KULTURPOLITIK · HINTERGRUND

Eine Biennale soll Technik am Gemeinwohl messen

Irini Papadimitriou leitet die Seoul Mediacity Biennale 2027. Ihr Vorhaben, Technik am Gemeinwohl zu messen, lenkt den Blick auch auf die Institutionen: Welche Arbeitsbedingungen braucht kritische Medienkunst?

Das Seoul Museum of Art (SeMA) hat am 23. Oktober 2026 Irini Papadimitriou als künstlerische Leiterin der 14. Seoul Mediacity Biennale bekannt gegeben. Die Eröffnung ist für August 2027 vorgesehen. Unter dem Thema „Machines of Repair“ soll die Ausstellung untersuchen, wem technischer Fortschritt dient und wie er sich am Gemeinwohl ausrichten lässt.

Nach der Ankündigung geht es um das Verhältnis von Technologie und Macht: um Überwachung, Rohstoffgewinnung und militärische Nutzung, aber auch um Möglichkeiten der Kommunikation und Medizin. Künstliche Intelligenz soll als Beispiel dieser widersprüchlichen Potenziale behandelt werden. Das ist zunächst eine kuratorische Absicht, kein Befund über die noch ausstehende Ausstellung.

Eine Biennale mit Museum

Papadimitriou leitet derzeit die Ausstellungen bei Diriyah Art Futures in Riad. Zuvor arbeitete sie am Londoner Victoria and Albert Museum und als Creative Director bei FutureEverything. Für Seoul setzte sie sich laut SeMA in einem internationalen Verfahren mit 70 eingereichten Vorschlägen durch.

Die Biennale wurde 2000 auf Initiative der Stadt Seoul gegründet; ihre Vorgängerreihe „SEOUL in MEDIA“ lief von 1996 bis 1999. Sie ist am SeMA verankert. Seit 2022 bezieht ein Vorprogramm auch Sammlung und digitale Archive des Museums ein. Darin liegt eine Möglichkeit, frühere künstlerische Fragen über den Rhythmus einzelner Großausstellungen hinaus weiterzuverfolgen.

Kritik braucht Arbeitsbedingungen

Schon die Ausschreibung für die Leitung macht deutlich, wie viele Aufgaben zusammenkommen: Auswahl von Kunstschaffenden und Werken, Publikationen und Veranstaltungen, aber auch Budgetvorgaben, Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring. Künstlerische Leitung bedeutet hier also nicht allein, ein Thema zu setzen. Sie arbeitet innerhalb einer Museumsorganisation.

Wie eine solche institutionelle Grundlage genutzt werden kann, zeigt als Vergleich die Zusammenarbeit des Karlsruher ZKM | Zentrum für Kunst und Medien mit dem MO Museum in Vilnius. Dort läuft seit dem 10. Oktober 2026 und bis zum 29. August 2027 „How to Feel Real. Art, Technology and Us“. Die Ausstellung verbindet Werke aus den Sammlungen beider Häuser mit Arbeiten aus Nachlässen und Künstlerarchiven sowie neuen Produktionen.

Ihr zeitlicher Bogen reicht von künstlerischen Auseinandersetzungen mit Computern und Internet bis zur KI. Zu den gezeigten Arbeiten gehört Nam June Paiks „Internet Dream“ von 1994. Technik erscheint damit nicht nur als jeweils jüngste Entwicklung, sondern als Gegenstand einer längeren Kunstgeschichte.

Solche Rückblicke haben materielle Voraussetzungen. Das ZKM unterhält seit 2004 ein Labor für antiquierte Videosysteme. Es bewahrt historische Abspielgeräte und digitalisiert Videokunst; analoge Bestände werden dabei nicht einfach ersetzt. Ohne Erhaltung und Dokumentation wäre der Zugang zu diesen Arbeiten gefährdet.

Was in Seoul noch offen ist

Der Vergleich macht eine Unterscheidung sichtbar: Eine Personalentscheidung legt die Richtung fest; Sammlungen, Fachpersonal und Vermittlung schaffen andere, längerfristige Voraussetzungen. Für den Anspruch des Gemeinwohls stellen sich damit auch praktische Fragen: Wer erhält Zugang zu Werken und Wissen? Wie können Besucher über technische Systeme diskutieren, statt sie nur zu bedienen?

Die Berufungsmitteilung nennt noch keine beteiligten Kunstschaffenden oder konkreten Werke. Ob und wie „Machines of Repair“ solche Fragen aufgreift, lässt sich daraus nicht beurteilen. Für November 2026 kündigt SeMA weitere Informationen zum Vorprogramm an. Erst die Ausgestaltung wird zeigen, wie aus der Zielsetzung eine Ausstellung wird.

Redaktionell geprüft · 25. Oktober 2026

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