Am Anfang steht kein Labyrinth aus Stein, sondern ein Unternehmen: Gleb, ein erfolgreicher Firmenchef, sieht sich im Russland des Jahres 2022 wachsendem geschäftlichem Druck und einer instabilen politischen Lage ausgesetzt. In Andrey Zvyagintsevs „Minotaurus“ gerät damit ein vertrauter Ort der Macht ins Zentrum – die Firma als Raum, in dem Entscheidungen über andere getroffen werden und deren Folgen nicht an der Bürotür haltmachen.
Der Film startet am 5. November 2026 bundesweit in den deutschen Kinos. Bei den Filmfestspielen von Cannes erhielt er den Grand Prix. Seine Ausgangslage verspricht keine Wirtschaftsstudie im engeren Sinn, sondern eine Erzählung über die Verbindung von betrieblicher Kontrolle und privatem Leben: Was geschieht, wenn derjenige, der beruflich über Abläufe und Menschen verfügt, die Kontrolle über die eigene Ordnung verliert?
Die Firma als Machtmodell
Ein Unternehmen bündelt Zuständigkeiten, Hierarchien und Abhängigkeiten. Wer an seiner Spitze steht, entscheidet nicht nur über Kennzahlen, sondern auch über Arbeitsbedingungen und die Zukunft anderer. „Minotaurus“ nimmt diesen Hebel als dramatischen Ausgangspunkt. Der Titel ruft zugleich das Bild einer Macht auf, die sich im eigenen Inneren verschanzt: Der antike Minotaurus lebt in einem Labyrinth, dessen Wege andere erst finden müssen. Als Deutungshilfe liegt darin weniger ein fertiger Schlüssel zur Handlung als eine Frage: Wer baut die Gänge, wer kontrolliert die Ausgänge – und wer trägt die Folgen?
Die offizielle Beschreibung des Festivals von Cannes verortet die Geschichte in Russland 2022 und nennt neben dem Druck im Unternehmen eine zunehmend unsichere Welt. So wird das Politische nicht als abstrakte Kulisse eingeführt, sondern als Bedingung, unter der berufliche und persönliche Entscheidungen getroffen werden. Der Film setzt bei einem einzelnen Mann an; die größere Perspektive entsteht aus seiner Position im Gefüge von Firma und Gesellschaft. Eine konkrete Aussage über die Erfahrungen aller Beschäftigten oder über die Funktionsweise eines bestimmten Unternehmens lässt sich aus dieser Anlage allein nicht ableiten.
Privatleben unter öffentlichem Druck
Zvyagintsevs frühere Filme wie „Leviathan“ und „Loveless“ verbinden persönliche Krisen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sie sich entfalten. Das ist kein Beleg dafür, dass „Minotaurus“ dieselbe Form oder Wirkung besitzt. Es markiert aber einen wiederkehrenden Arbeitsbereich des Regisseurs: das Verhältnis von Nähe, Verantwortung und Macht. Der neue Film führt diesen Blick in ein Umfeld, in dem Führung und Entscheidungsmacht zum Alltag gehören.
Gerade hier liegt die Spannung zwischen privater Verantwortung und beruflicher Autorität. Eine Entscheidung kann im Unternehmen als zweckmäßig erscheinen und dennoch persönliche Kosten erzeugen. Umgekehrt lässt sich private Verantwortung nicht von den Strukturen trennen, in denen jemand handelt. Der Hintergrund des Films ist damit auch eine Frage an das Publikum: Wie viel ist eine persönliche Entscheidung wert, wenn ihre Folgen auf Menschen verteilt werden, die kaum mitentscheiden können?
Europäische Produktion, russischer Schauplatz
Gedreht wurde der Film laut filmportal.de von September bis November 2025 in Riga; als Produktionsländer nennt das Festival von Cannes Frankreich, Lettland und Deutschland. Zu den Produzenten gehören mehrere Produktionsfirmen aus diesen Ländern, darunter Razor Film Produktion aus Deutschland. Die FFA führt den Verleih MUBI und die deutsch-französische Koproduktionsförderung auf. Die Konstellation beschreibt keine bloße Herkunftsangabe: Ein Film über eine russische Gegenwart wurde als europäisches Projekt organisiert und außerhalb Russlands hergestellt.
Das verleiht der Produktionsgeschichte besonderes Gewicht, ohne sie selbst zur Erklärung des Films zu machen. Europäische Koproduktionen bündeln Finanzierung, Produktionswissen und Partner über Landesgrenzen hinweg. Hier stehen diese Arbeitsbedingungen neben einer Geschichte, deren Schauplatz Russland ist. Aus den vorliegenden Credits folgt jedoch nicht, dass jedes Land denselben Anteil an Finanzierung oder Einfluss hatte; sie weisen Beteiligungen und Förderwege aus, nicht die vollständige Entscheidungsstruktur.
„Minotaurus“ kehrt nach „Loveless“ von 2017 zu einem Regisseur zurück, dessen Kino private Beziehungen oft in größere gesellschaftliche Spannungen stellt. Was sich aus den belegten Angaben sicher sagen lässt: Der Film beginnt bei einem Unternehmenschef unter Druck und macht seine Lage zum Brennpunkt einer politischen Gegenwart. Wie überzeugend daraus ein Film über Verantwortung und Macht wird, bleibt eine Frage der Sichtung.
Redaktionell geprüft · 4. November 2026


