Am 13. November werden in der Akademie der Künste in Berlin zwei Kompositionspreise verliehen: Der südafrikanische Komponist Njabulo Phungula erhält den Busoni-Kompositionspreis, die in Berlin lebende libanesische Komponistin Raphaëlle Aoun den Förderpreis. Mit 7.000 beziehungsweise 3.000 Euro sind die Auszeichnungen dotiert. Die Akademie kündigt außerdem ein Konzert an. Das ist ein Anfang – aber noch kein Beleg dafür, was ein Preis im Berufsleben seiner Empfänger:innen dauerhaft verändert.
Ein Kompositionspreis kann Geld, Aufmerksamkeit und eine Gelegenheit zur Aufführung bündeln. Gerade bei neuer Musik, deren Werke oft eigens für bestimmte Besetzungen und Ensembles entstehen, ist der öffentliche Moment wichtig: Eine Partitur muss Menschen finden, die sie spielen, Veranstalter:innen, die sie programmieren, und Bedingungen, unter denen Proben und Aufführungen möglich werden. Ob daraus Folgeaufträge oder eine längere Zusammenarbeit entstehen, lässt sich für Phungula und Aoun derzeit nicht sagen. Dazu wären Gespräche mit den Ausgezeichneten und ihren Ensembles nötig.
Auszeichnung ist nicht gleich Auftrag
Der Busoni-Kompositionspreis wurde 1988 vom Komponisten Aribert Reimann gestiftet und wird von der Akademie der Künste in der Regel alle zwei bis drei Jahre vergeben. Seit 1992 gibt es zusätzlich einen Förderpreis für Studierende. Die Auszeichnung richtet sich damit an zwei unterschiedliche Übergänge: an Komponist:innen nach dem Studium und an solche, die noch in Ausbildung sind. Eine Eigenbewerbung ist laut Deutschem Musikinformationszentrum nicht möglich.
2026 gehören der Jury Christopher Fox, Anna Korsun und Annette Schlünz an. Die Akademie beschreibt Phungulas Musik als aufmerksam für klangliche Details und hebt hervor, wie sie Komplexität mit Unmittelbarkeit verbinde. Bei Aoun nennt sie unter anderem die Werke „grey olive tree“ und „the scent of cents“; ihre Klangsprache arbeite mit reiner Stimmung. Das sind Einschätzungen aus der Jurybegründung, keine unabhängigen Urteile. Sie machen aber sichtbar, was eine Auszeichnung ebenfalls leistet: Sie stellt eine künstlerische Arbeit in Worte und gibt ihr einen institutionellen Rahmen.
Der Konzertabend als erste Probe
Ob eine solche Rahmung über den Preisabend hinaus trägt, hängt auch davon ab, ob die Werke wiederkehren. Ein Konzert schafft eine konkrete Begegnung zwischen Partitur, Ensemble und Publikum; eine einzelne Aufführung garantiert jedoch weder Wiederaufnahme noch neue Aufträge. Das zeigt die Praxis solcher Preisabende: 2019 spielte das ensemble mosaik bei der Verleihung Werke der Preisträgerin Hanna Eimermacher und des Förderpreisträgers Hovik Sardaryan, gemeinsam mit dem Ensemble Apparat. Der Preis wurde so zum Anlass, neue Musik tatsächlich erklingen zu lassen – über die Dauer der Zeremonie hinaus.
Für die diesjährige Verleihung ist ebenfalls ein Konzert angekündigt. Die Akademie nennt eine Uraufführung Aouns für Violine, Viola, Schlagzeug, Flöte und Klarinette. Das Ensemble, das dieses Werk spielt, ist ein wesentlicher Teil der Förderung: Neue Musik wird nicht allein durch die Komponistin oder den Komponisten real, sondern im Zusammenspiel mit Interpret:innen, die ihre Klangvorstellungen erarbeiten und vermitteln.
Was nach dem Preis zählt
Das Preisgeld kann Zeit für die Arbeit schaffen; die öffentliche Anerkennung kann Türen öffnen. Doch beide Wirkungen sind Möglichkeiten, keine automatisch eintretenden Folgen. Für belastbare Aussagen über die Laufbahnen früherer Preisträger:innen bräuchte es eine systematische Nachverfolgung: Welche Stücke wurden wieder aufgeführt? Welche Aufträge folgten? Welche Kooperationen hielten an? Die verfügbaren Angaben zur Preisgeschichte beantworten diese Fragen nicht.
So liegt die Bedeutung des Busoni-Preises zunächst in einer Verbindung aus Auswahl, Sichtbarkeit und Aufführung. Die Auszeichnung benennt eine künstlerische Position; das Konzert gibt ihr einen Ort im Musikleben. Der langfristige Wert zeigt sich erst später, wenn andere Ensembles, Festivals und Häuser daran anknüpfen. Für Phungula und Aoun ist die Urkunde deshalb nicht der Nachweis einer bereits gesicherten Wirkung, sondern der öffentliche Beginn einer Erwartung: dass ihre Musik weitergespielt und weitergedacht wird.
Redaktionell geprüft · 4. November 2026


