BÜHNE · VORSCHAU

Was ein Bühnenbild mit „Hamlet“ anstellen darf

Ersan Mondtag führt am Berliner Ensemble Regie und entwirft die Bühne für eine neue Bearbeitung von Shakespeares „Hamlet“ mit Wilke Weermann. Was kann ein Bühnenraum an einem Klassiker verändern – und was muss das Spiel selbst leisten?

Ein Bühnenbild kann einen Klassiker nicht einfach auslegen wie eine These. Es kann aber festlegen, worauf wir schauen: auf einen Körper, der sich im Raum verliert, auf eine Familie, die sich abschottet, oder auf eine Ordnung, die ihre eigenen Risse nicht mehr verdecken kann. Bei „Hamlet“ ist diese Frage besonders scharf gestellt. Wer in Dänemark herrscht, wer beobachtet und wer sich erinnert, gehört seit Shakespeare zur politischen Architektur des Stücks.

Am Berliner Ensemble kommt am 5. November eine neue Fassung heraus: Ersan Mondtag führt Regie und entwirft die Bühne, Wilke Weermann verantwortet die Bearbeitung. Das Haus kündigt als Fokus die Selbstzerstörungskräfte einer Gesellschaft an, die Widersprüche einer auf Gewalt beruhenden Weltordnung in sich trägt. Wie die Bühne diesen Gedanken konkret übersetzt, ist vor der Premiere offen. Doch schon die Verbindung von Regie und Bühnenbild macht den Raum zu mehr als einer Kulisse.

Ein Raum ist kein Kommentar von außen

Shakespeares Tragödie bringt ihren Schauplatz nicht bloß als Hintergrund mit. Elsinore ist ein Hof, ein Familienverband und ein Staat im Krisenmodus. Die Nachricht vom Tod des Königs, die neue Ehe der Königin und die Rückkehr seines Geistes verschränken Privates mit öffentlicher Macht. Ein Bühnenbild kann diese Ebenen trennen – etwa indem es Figuren isoliert – oder sie aufeinanderprallen lassen. Es kann zeigen, wer Zugang zu wem hat, wer ausgestellt wird und wer sich dem Blick entzieht.

Das ist eine Möglichkeit, keine Vorhersage für Mondtags Inszenierung. Über konkrete Dekorationen oder Raumwechsel hat das Berliner Ensemble vorab nichts veröffentlicht. Sicher ist: Mondtag verantwortet neben der Regie auch die Bühne. Zum Team gehören Josa Marx für die Kostüme, Robert Lippok für die Musik, Alexander Pannier für das Video und Hans Fründt für das Licht. Damit sind verschiedene Mittel benannt, mit denen ein Abend den Raum strukturieren kann; wie sie zusammenwirken, wird erst die Aufführung zeigen.

Wenn das Bild den Text unter Druck setzt

Mondtags Arbeit bewegt sich zwischen Theater und bildender Kunst. 2024 war er als Künstler am deutschen Pavillon der Kunstbiennale Venedig beteiligt; das Berliner Ensemble beschreibt seine Inszenierungen als bildstark und verweist darauf, dass er Bühnenbilder häufig selbst entwirft. Auch ein Beitrag des Deutschlandfunks Kultur widmet sich seinem Wechsel zwischen den Künsten und der bevorstehenden „Hamlet“-Arbeit. Der Übergang ist dabei nicht nur eine Frage der Ästhetik. Ein Bühnenbild kann eine eigene Zeit behaupten, während der Text eine andere aufruft; es kann eine Metapher anbieten, die Schauspielerinnen und Schauspieler annehmen, unterlaufen oder gegen die sie anspielen.

Gerade bei „Hamlet“ sollte das Bild nicht alle Rätsel lösen. Der Prinz schwankt zwischen Pflicht, Zweifel und dem Wunsch, eine aus den Fugen geratene Ordnung zurechtzurücken. Wird der Raum zu eindeutig, droht aus der Tragödie eine Illustration zu werden. Bleibt er dagegen beliebig, trägt er wenig zur Deutung bei. Das produktive Verhältnis liegt dazwischen: Eine räumliche Setzung gibt den Figuren Widerstand, ohne ihnen jede Bewegung vorzuschreiben.

Was der Raum dem Spiel überlässt

Die Besetzung verbindet Mitglieder des Berliner Ensembles: Sebastian Zimmler spielt Hamlet, Pauline Knof Gertrud, Marc Oliver Schulze Claudius. Pierre Emö übernimmt Ophelia und Fortinbras. Auch diese Mehrfachbesetzung gehört zu den vorab bekannten Entscheidungen der Produktion; welche Bedeutung sie im Verlauf erhält, lässt sich noch nicht sagen. Sie kann jedoch daran erinnern, dass Theaterrollen keine naturgegebenen Positionen sind, sondern von Körpern, Kostümen und Blicken hergestellt werden.

Am Ende wird deshalb nicht nur zählen, was auf der Bühne steht, sondern was dort zwischen Raum und Spiel geschieht. Der Bühnenraum darf Shakespeares „Hamlet“ verschieben, verengen oder gegen seine vertrauten Bilder lesen. Er darf dem Text widersprechen. Aber er muss den Schauspielenden etwas zu tun geben – und dem Publikum genug offenlassen, um sich selbst ein Urteil zu bilden. Mondtags Premiere setzt genau diese Frage in Bewegung; ihre Antwort bleibt bis zum Vorhang ungeschrieben.

Redaktionell geprüft · 4. November 2026

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