LITERATUR · PORTRÄT

Judith Kuckart: Was vom Tanz ins Erzählen wandert

Judith Kuckart kam über Tanz und Theater zur Prosa. In ihren Büchern bleibt der Körper ein erzählerisches Maß – und die Bühne ein Ort, an dem Sprache erst Form gewinnt.

Judith Kuckart kam nicht auf geradem Weg zum Roman. Bevor sie am Schreibtisch ihre Sätze ordnete, arbeitete sie mit Körpern im Raum: als Tänzerin, Choreografin und Leiterin eines freien Ensembles. Was aus dieser Praxis in die Prosa hinüberwand, ist weniger ein Vorrat an Bühnenbildern als eine Aufmerksamkeit für Haltung, Bewegung und das, was Menschen nicht sagen. Am 10. November erhält Kuckart im thalhaus Theater den Wiesbadener Literaturpreis 2026 – eine Auszeichnung, die den Blick auf jene Verbindung lenkt, die ihre Arbeit seit Jahrzehnten prägt.

Kuckart, 1959 in Schwelm geboren, studierte Literatur- und Theaterwissenschaften und absolvierte eine Tanzausbildung. 1984 gründete sie in Berlin mit vier weiteren Ensemblemitgliedern das Tanztheater Skoronel. Die erste Produktion, „Kassandra“, nahm Christa Wolfs Roman als Ausgangspunkt. Bis 1998 entstanden siebzehn Produktionen; Kuckart entwickelte Stoffe und Choreografien, später schrieb und inszenierte sie auch eigene Stücke. Die Arbeit, so beschreibt sie es auf ihrer Website, zielte darauf, Körpersprache und poetische Sprache als Einheit erfahrbar zu machen.

Vom Körper zum Satz

Der Übergang zur Literatur war kein Abschied von der Bühne, sondern eine Verschiebung des Materials. In einem autobiografischen Text schildert Kuckart, wie sie 1989 begann, eigene Texte für das Ensemble zu schreiben: Aus montierten Sätzen wurden längere Textstücke, aus der Arbeit daran schließlich der Wunsch, einen Roman zu schreiben. 1990 erschien „Wahl der Waffen“, ihr erster Roman. Das tägliche Training wich nach und nach dem täglichen Gang an den Schreibtisch – eine eingeübte Regelmäßigkeit blieb.

Darin liegt ein Schlüssel zu Kuckarts Arbeitsweise: Schreiben erscheint nicht als Gegenwelt zum Tanz, sondern als andere Form der Übung. Wo die Bühne Bewegung und Sprache zugleich organisiert, muss die Prosa Bewegungen in Vorstellung verwandeln. Ein Blick, eine Geste, ein Zögern können dort Handlung tragen, ohne erklärt zu werden. Das ist eine Lesart ihrer Entwicklung, keine Gleichsetzung der beiden Künste: Der Roman hat andere Mittel und andere Zeit. Doch Kuckarts eigene Beschreibung macht deutlich, dass der Wechsel vom Probenraum zum Schreibtisch auch eine Kontinuität bewahrte.

Erzählen ohne Stillstand

In ihrem 2024 bei DuMont erschienenen Roman „Die Welt zwischen den Nachrichten“ verknüpft Kuckart persönliche Erinnerung mit politischen und historischen Ereignissen. Der Titel deutet bereits auf ein Verfahren: Das Leben entfaltet sich nicht unabhängig von den Meldungen der Zeit, aber es lässt sich auch nicht auf sie reduzieren. Private Erfahrung und öffentliche Geschichte geraten nebeneinander, berühren sich, verschieben ihre Bedeutung. Das Buch ist autobiografisch inspiriert, doch sein Erzählen beansprucht nicht, Leben einfach als lückenlose Chronik abzubilden.

Auch auf der Bühne suchte Kuckart nicht nur nach festgelegten Formen. Skoronel hatte keine feste Spielstätte, aber ein beständiges Ensemble aus Schauspielenden, Tanzenden, Singenden und Musizierenden. Die wechselnden Orte und die Suche nach einem Zusammenspiel von Bewegung und Sprache gehörten zu den Bedingungen dieser Arbeit. Seit 1999 ist Kuckart freie Regisseurin; 2021 brachte sie frühere Mitglieder von Skoronel für ein neues gemeinsames Projekt zusammen. Das Wiedersehen mit der Gruppe war damit auch eine Rückkehr zu einer Arbeitsweise, in der unterschiedliche Stimmen und Körper an einer Erzählung mitwirken.

In einem Interview hat Kuckart den Tanz als eine Einschreibung beschrieben: Eine Haltung verändere, wie man in einen Raum oder eine Situation gehe. Für die Literatur heißt das nicht, dass jeder Satz eine Choreografie wäre. Eher bleibt die Sensibilität dafür, dass Menschen nicht allein durch das sprechen, was sie sagen. Der Körper widerspricht, erinnert, hält inne. Aus dieser Spannung gewinnt Kuckarts Schreiben seine besondere Beweglichkeit: Es führt nicht einfach vom Anfang zum Ende, sondern lässt Erfahrungen nebeneinanderstehen, bis sich zwischen ihnen eine Geschichte abzeichnet.

Der Wiesbadener Literaturpreis würdigt Autorinnen und Autoren, die Bezüge zwischen Literatur und anderen Künsten herstellen. Bei Kuckart ist diese Verbindung keine nachträgliche Auszeichnungsschablone. Sie gehört zu ihrem Werdegang: vom Tanztheater, in dem Texte allmählich mehr Raum einnahmen, bis zu einer Prosa, die ihre Herkunft aus der Bewegung nicht verleugnet. Was vom Tanz ins Erzählen wandert, ist letztlich ein Arbeitsprinzip – genau hinzusehen, wie Menschen sich zeigen, und der Sprache genug Raum zu lassen, damit daraus mehr als eine Erklärung wird.

Redaktionell geprüft · 4. November 2026

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