BÜHNE

Aus der Achse, in den Puls: Ballett zwischen Forsythe und Eyal

Wie verändert man Ballett, ohne seine Präzision preiszugeben? Das Ballett am Rhein verbindet Werke von William Forsythe und Sharon Eyal. Der Düsseldorfer Doppelabend stellt zwei unterschiedliche Wege aus der klassischen Ordnung vor.

Ein Körper richtet sich auf, eine Bewegung gerät aus ihrer vertrauten Bahn: Im Ballett kann bereits eine verschobene Achse eine ästhetische Ordnung verändern. Avantgarde braucht dafür weder eine neue Geschichte noch ein spektakuläres Bühnenbild. Sie kann mitten in der Technik ansetzen, dort, wo Haltung, Gleichgewicht und Tempo selbstverständlich erscheinen.

An diesem Punkt setzt der Doppelabend „Forsythe / Eyal“ an, den das Ballett am Rhein am 30. Oktober im Opernhaus Düsseldorf herausbringt. William Forsythes „In the Middle, Somewhat Elevated“ trifft auf Sharon Eyals „Strong“, entstanden mit ihrem künstlerischen Partner Gai Behar. Zwei Werke, zwei Generationen, eine gemeinsame Frage: Was lässt sich aus dem geschulten Ballettkörper herausholen, wenn seine gewohnten Sicherheiten nicht mehr gelten?

Die Klassik wird zum Versuchsfeld

Forsythes Stück wurde am 30. Mai 1987 vom Ballett der Pariser Oper im Palais Garnier uraufgeführt. Es ist also keine neue Choreographie, die nun nach Düsseldorf kommt. Gerade dieser Abstand macht den Abend interessant: Ein einstiger Eingriff in die Ballettsprache lässt sich heute auch als Repertoire weitergeben.

Forsythe hat das Werk selbst als streng angelegte Folge von Thema und Variationen erläutert. Sein Material bleibt die akademische Virtuosität. Er verlängert und beschleunigt überlieferte Figuren, verschiebt ihre Ausrichtung und setzt Akzente anders. Das Klassische wird nicht abgeschafft, sondern so bearbeitet, dass es seiner eigenen Herkunft fremd erscheinen kann. Der Unterschied ist wesentlich: Nicht mangelnde Kontrolle bringt die Form ins Wanken, sondern eine andere Organisation derselben Fähigkeiten.

Dazu steht die elektronische Musik von Thom Willems. Statt einer erzählenden Partitur bildet sie ein klangliches Gegenüber zur Bewegung. Bühne, Kostüme und Licht stammen ebenfalls von Forsythe. Für Düsseldorf übernimmt Tanja Rühl die Bühnen- und Beleuchtungseinrichtung, Thierry Guiderdoni die choreographische Einstudierung. Solche Aufgaben sind keine Nebensache: Mit einem Werk muss auch das Wissen darüber reisen, wie seine Abweichungen präzise werden.

Die Gruppe unter Strom

„Strong“ wurde am 8. Dezember 2019 für das Staatsballett Berlin an der Staatsoper Unter den Linden uraufgeführt. Sharon Eyal kommt aus der Batsheva Dance Company; seit 2005 arbeitet sie mit Gai Behar zusammen. Für „Strong“ verantwortet er die Co-Choreographie, beide zeichnen für die Bühne verantwortlich. Die Kostüme entwarf Rebecca Hytting, das Licht Alon Cohen.

Nach der Beschreibung des Düsseldorfer Hauses arbeitet das Stück mit wiederkehrenden Bewegungsstrukturen und der elektronischen Musik von Ori Lichtik. Der Bezug zum Club liegt damit nicht bloß in einer modischen Oberfläche. Wiederholung und Puls bieten eine andere Möglichkeit, ein Ensemble zusammenzuhalten: weniger als Ansammlung einzelner Glanzleistungen denn als gemeinsam organisierte Energie.

Darin lässt sich ein Gegenmodell zu Forsythes Bearbeitung klassischer Figuren erkennen. Wo dort Ausrichtung und Beschleunigung das vertraute Vokabular verändern, rückt hier das Verhältnis zwischen Einzelkörper und Gruppe ins Zentrum. Für das Ballett am Rhein studiert Aram Hasler „Strong“ ein. Wie die Kompanie diese unterschiedlichen Anforderungen verkörpert, wird erst die Aufführung zeigen.

Avantgarde mit Gedächtnis

Der Doppelabend ist deshalb auch ein Anlass, den Begriff Avantgarde genauer zu nehmen. Neu ist in Düsseldorf die Zusammenstellung, nicht die Entstehung der Werke. Das nimmt ihnen nicht automatisch ihre Reibung. Ein Bruch mit Gewohnheiten kann im Repertoire erhalten bleiben – sofern nicht nur die Schritte, sondern auch ihre Voraussetzungen vermittelt werden.

Als programmatische Setzung macht „Forsythe / Eyal“ zwei Wege sichtbar: Ballett lässt sich von innen umbauen oder mit anderen rhythmischen und körperlichen Ordnungen konfrontieren. Präzision ist dabei nicht der Gegner des Aufbruchs. Sie ist sein Werkzeug.

Redaktionell geprüft · 29. Oktober 2026

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