BILDENDE KUNST · HINTERGRUND

Lee Ufan: Wie ein Kunstpreis zum Museumsankauf wird

Der Wolfgang-Hahn-Preis ehrt Lee Ufan – und ermöglicht zugleich einen Ankauf für das Museum Ludwig. Die Verbindung von Auszeichnung, Mitgliedsbeiträgen und Sammlungspolitik macht den Kölner Preis zu mehr als einer Ehrung.

Am 6. November wird Lee Ufan im Museum Ludwig mit dem Wolfgang-Hahn-Preis ausgezeichnet. Einen Tag später beginnt dort die Präsentation, die bis zum 4. April 2027 läuft. Sie zeigt fünf Gemälde seiner Serie „Response“ – darunter jenes, das die Gesellschaft für Moderne Kunst für die Sammlung des Museums erwirbt. Der Preis ist also nicht bloß eine Ehrung mit anschließender Schau: Er ist zugleich ein Weg, ein Werk dauerhaft ins Haus zu holen.

Das Modell klingt einfach, bündelt aber verschiedene Aufgaben. Eine Jury wählt eine Künstlerin oder einen Künstler aus; der Verein organisiert die Auszeichnung und finanziert den Ankauf; das Museum zeigt das Werk und trägt Verantwortung für seine Bewahrung und Einordnung. Wie diese Entscheidungen zusammenhängen, lässt sich an Lee Ufan besonders gut ablesen.

Ein Preis mit Sammlungsauftrag

Der Wolfgang-Hahn-Preis wird seit 1994 von der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig vergeben. 2026 ist es die 32. Ausgabe. Nach Angaben des Museums soll die Auszeichnung vor allem international anerkannte Gegenwartskunst würdigen, die in Deutschland noch nicht ausreichend bekannt ist. Mit dem Preis verbunden ist ein Ankauf für die Museumssammlung; dafür stehen höchstens 100.000 Euro zur Verfügung. Finanziert wird der Betrag aus den Beiträgen der Vereinsmitglieder.

Damit unterscheidet sich der Preis von einer Auszeichnung, die vor allem die Person oder ein bereits entstandenes Werk prämiert. Hier schafft die Ehrung einen konkreten Zugang zur Sammlung. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Preisvergabe allein den Ankauf regelt: Die Jury entscheidet über die künstlerische Position, während die Auswahl und Finanzierung des konkreten Werks eine weitere, praktische Ebene bilden. Für Lee Ufan nennt das Museum großzügiges Entgegenkommen des Preisträgers als Voraussetzung dafür, dass der Erwerb gelingt. Über den endgültigen Kaufpreis gibt die geprüfte Museumsseite keine Auskunft.

Die Leerstelle im Bestand

Lee Ufan wurde 1936 in Südkorea geboren, studierte Philosophie in Tokio und lebt in Kamakura. Als Mitbegründer der japanischen Mono-ha-Bewegung, deren Name ungefähr „Schule der Dinge“ bedeutet, beschäftigte er sich mit dem Verhältnis von Material, Raum und Betrachter. In der Malerei steht dieses Verhältnis nicht nur zwischen Gegenständen im Raum, sondern auch zwischen gesetztem Pinselstrich und freigelassener Fläche.

Die fünf im Museum angekündigten Arbeiten gehören zur Serie „Response“. Lee arbeitet darin mit breitem Pinsel auf großformatigen Leinwänden. Die Striche erscheinen in abgestuften Tönen zwischen hellem Weiß und dunklem Grau; sie stehen als einzelne Formen in einem größeren, weitgehend unbemalten Raum. Das Museum beschreibt die Gemälde als rhythmisch strukturierte Muster. Der Abstand zwischen Farbe und freier Leinwand ist dabei kein bloßer Hintergrund: Er wird zum Teil des Bildgeschehens.

Bislang fehlte ein Werk Lee Ufans in der Sammlung des Museum Ludwig, obwohl seine Arbeiten in den 1970er-Jahren auch im Rheinland und am Museum selbst gezeigt wurden. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior bezeichnete den Künstler als lange gehegten Wunsch für den Bestand. Der Ankauf schließt damit eine benannte Lücke. Welche einzelne Leinwand gewählt wurde und welche konkreten Maße sie hat, ist in den verfügbaren Angaben nicht ausgewiesen.

Wer entscheidet, was bleibt?

Das Preisgeld stammt aus den Beiträgen der Mitglieder der Gesellschaft für Moderne Kunst. Der Verein ist damit nicht nur Namensgeber oder Veranstalter, sondern beteiligt sich an einer langfristigen Entscheidung darüber, welche Kunst das Museum künftig bewahrt und öffentlich zugänglich macht. Die Mitglieder finanzieren den Erwerb; die kuratorische und konservatorische Verantwortung für das Werk liegt beim Museum. Das ist eine Zusammenarbeit mit klar unterscheidbaren Rollen, keine automatische Übereinstimmung von Vereinswunsch und Museumsurteil.

Die Auswahl für 2026 traf eine Jury mit Mami Kataoka, Direktorin des Mori Art Museum in Tokio, als Gastjurorin. Das Museum begründet die Entscheidung auch mit Lee Ufans langjähriger Beschäftigung mit Fragen, die sich nicht auf eine einfache Gegenüberstellung von „östlicher“ und „westlicher“ Kunst reduzieren lassen. Diese Einordnung ist wichtig: Mono-ha entstand in Japan, doch Lees Werk lässt sich nicht als exotische Ergänzung einer westlichen Sammlung behandeln. Der Ankauf erweitert den Bestand, ohne dass die Herkunft des Künstlers allein schon erklärt, was seine Kunst bedeutet.

Ein Preis, der in einen Ankauf mündet, verschiebt die Aufmerksamkeit vom einmaligen Festakt auf die Dauer. Die Ausstellung macht die Entscheidung zunächst sichtbar; danach bleibt das erworbene Werk Teil einer Sammlung, deren Erzählung sich mit jeder Aufnahme verändert. Für das Museum Ludwig ist Lee Ufan damit nicht nur der diesjährige Preisträger. Seine Malerei wird künftig auch daran zu messen sein, wie sie zwischen den bereits vorhandenen Werken im Haus gesehen und verstanden werden kann.

Redaktionell geprüft · 29. Oktober 2026

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