BÜHNE · VORSCHAU

Suzie Miller: Wie viel Gewissheit verträgt die Bühne?

Eine Richterin, ein beschuldigter Sohn, erschütterte Überzeugungen: Suzie Millers „Inter alia“ kommt nach Düsseldorf. Anna Stiepani inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung. Eine Vorschau auf den Konflikt zwischen Haltung und Nähe.

Eine Richterin ist daran gewöhnt, zwischen Behauptung und Beweis zu unterscheiden. Eine Mutter möchte ihrem Kind vertrauen. Suzie Millers „Inter alia“ setzt dort an, wo diese beiden Haltungen nicht mehr mühelos zusammenpassen. Jessica Parks, erfolgreiche Londoner Richterin, muss sich einem Vorwurf gegen ihren Sohn stellen: Harry wird der Vergewaltigung einer Mitschülerin beschuldigt. Plötzlich betrifft die Frage nach Gerechtigkeit nicht nur ihren Beruf, sondern ihre Familie.

Am 31. Oktober 2026 ist die deutschsprachige Erstaufführung im Großen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses angekündigt, Beginn 19.30 Uhr. Anna Stiepani führt Regie, Anne Rabe übersetzt. Meike Droste spielt Jessica Parks, Philipp Hauß ihren Mann Michael Wheatley und Theo Thun den Sohn Harry. Interessant ist an dieser Konstellation nicht bloß, welche Überzeugung einer Belastung standhält. Sondern auch, wie rasch Nähe die Maßstäbe verändern kann, die man für selbstverständlich hielt.

Die Überzeugung bekommt ein Gegenüber

Miller, selbst Juristin, hat mit „Prima Facie“ bereits eine weibliche Perspektive auf sexualisierte Gewalt und Justiz ins Zentrum gerückt. Das 2019 in Australien uraufgeführte Stück ist ein Monolog. „Inter alia“, 2025 am Londoner National Theatre mit Rosamund Pike unter der Regie von Justin Martin herausgebracht, versetzt die Auseinandersetzung nun in ein familiäres Beziehungsgefüge.

Das ist eine dramaturgisch folgenreiche Verschiebung. Ein Monolog kann das Publikum eng an eine Stimme binden. Drei Figuren eröffnen zumindest die Möglichkeit, dass eine Selbstbeschreibung unmittelbar auf Widerspruch trifft: Was für Jessica Fürsorge bedeutet, könnte für einen anderen Beteiligten Kontrolle sein; was nach Konsequenz klingt, könnte im nächsten Gespräch als Ausweichen erscheinen. Ob und wie Stiepani solche Reibungen herausarbeitet, bleibt abzuwarten.

Schon der Titel widerspricht jedoch der Vorstellung einer einzigen, alles erklärenden Rolle. „Inter alia“ bedeutet „unter anderem“. Jessica ist nicht nur Richterin, sondern auch Mutter, Ehefrau und Freundin. Dazu kommt eine Vorliebe für Karaoke, die beide Häuser in ihren Stückankündigungen hervorheben. Dieses Detail verhindert zumindest auf dem Papier, dass die Figur lediglich als Trägerin einer Position erscheint. Auch eine Frau mit beruflicher Autorität hat ein Leben jenseits ihrer Zuständigkeit.

Offenheit ist keine Gleichgültigkeit

Für die Düsseldorfer Inszenierung liegt hier eine reizvolle Aufgabe: Wie lässt sich Jessicas Konflikt zeigen, ohne jede Regung sofort auszudeuten? Eine Pause zwischen zwei Antworten kann im Theater ebenso wichtig werden wie ein Argument. Ein Abstand zwischen Körpern kann Nähe behaupten oder verweigern. Für Bühne und Kostüm ist Thurid Peine verantwortlich; welche räumliche Form die Familie erhält, lässt sich aus der Ankündigung nicht ableiten.

Dramatische Offenheit müsste dabei nicht heißen, jede Perspektive gleichermaßen zu bestätigen. Die Bindung einer Mutter an ihren Sohn zu untersuchen ist etwas anderes, als einen Vorwurf zu entkräften. Ebenso wenig ersetzt eine gesellschaftlich richtige Überzeugung schon die Auseinandersetzung mit dem konkreten Gegenüber. Gerade diese Unterscheidungen könnten verhindern, dass aus Figuren bloße Fallbeispiele werden.

Kein Urteil auf Vorrat

Die Spannung dieser Premiere liegt deshalb auch im Verhältnis von Thema und Form. Ein Stück über Gerechtigkeit kann das Publikum zur Prüfung der eigenen Gewissheiten einladen. Es kann ihm aber auch so eindeutig vorgeben, wo es stehen soll, dass für eine eigene Bewegung wenig Raum bleibt.

Welche Balance Stiepani findet, wird erst die Aufführung zeigen. Die produktive Erwartung an „Inter alia“ wäre nicht, ohne Haltung nach Hause zu gehen. Sondern genauer unterscheiden zu können: zwischen Verstehen und Entschuldigen, Loyalität und Selbstschutz, einer festen Überzeugung und der Weigerung, sich noch irritieren zu lassen.

Redaktionell geprüft · 29. Oktober 2026

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