BILDENDE KUNST · VORSCHAU

Gesellschaft im Modell: Thomas Schüttes Häuser für wen?

Ein Haus verspricht Schutz. Aber wen lässt es hinein? Das Düsseldorfer K21 kündigt einen umfassenden Überblick über Thomas Schüttes Architekturmodelle an. Eine Vorschau auf Räume zwischen Rückzug und Öffentlichkeit.

275 Zentimeter hoch, 113 Zentimeter breit, 162 Zentimeter tief: Die Maße von Thomas Schüttes „One Man House V“ lassen nicht an ein handliches Tischmodell denken. Das Werk von 2005 besteht aus Holz und Mischtechnik; die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen stellt es bereits im Pressematerial ihrer kommenden Ausstellung vor. Ein Haus für einen Menschen, dessen Höhe die eines Menschen übersteigt, dessen Grundfläche aber kaum ein Zimmer ergibt: Schon diese Größenverhältnisse bringen die Vorstellung vom Wohnen ins Schwanken.

Im Düsseldorfer K21 soll sich vom 14. November 2026 bis zum 11. April 2027 untersuchen lassen, welche gesellschaftlichen Fragen in solchen Entwürfen stecken. Eröffnet wird „Thomas Schütte“ am 13. November von 19 bis 22 Uhr. Das Haus kündigt neben den Großskulpturen „Vater Staat“ und „Mutter Erde“ einen umfassenden Überblick über die Architekturmodelle an. Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Ihr besonderer Reiz könnte darin liegen, nicht nur nach dem Bild des Menschen, sondern nach den Räumen für sein Leben zu fragen.

Rückzug mit Aussicht

Ein Modell erlaubt einen eigentümlichen Blick: Man betrachtet ein mögliches Gebäude von außen, überblickt seine Grenzen und denkt sich zugleich als Bewohner hinein. Bei einem Titel wie „One Man House“ wird daraus eine soziale Frage. Ist das Haus für einen Einzelnen ein Schutzraum, ein Luxus oder eine Form der Absonderung? Wer Gemeinschaft untersuchen möchte, muss auch ihre Gegenfigur betrachten: den Menschen, der allein bleibt oder allein bleiben will.

Dass solche Fragen nicht auf Miniaturen beschränkt sind, zeigt ein realisierter Entwurf der Werkreihe in Heilbronn. Auf einer Inselspitze im Neckar steht ein roter Bau mit einem großen runden Fenster; innen ist er mit Lärchenholz verkleidet. Die Städtischen Museen beschreiben ihn als Ort des Rückzugs. Entscheidend für eine mögliche Lesart ist das Fenster: Die Hülle trennt Innen und Außen, die Öffnung verbindet sie wieder. Rückzug bedeutet hier zumindest räumlich nicht, die Welt vollständig auszuschließen.

Dieses gebaute Beispiel gehört zum Hintergrund der Düsseldorfer Schau; seine Präsentation dort ist damit nicht angekündigt. Es schärft aber eine Frage an die Modelle: Wie viel Außenwelt braucht ein geschützter Raum? Und wann wird aus Selbstbestimmung Abschottung?

Vom einzelnen Haus zum gemeinsamen Raum

Architektur ist in Schüttes Werk kein bloßer Seitenweg neben der Bildhauerei. Bereits die MoMA-Retrospektive 2024/25 stellte Modelle und ausgeführte Bauten neben Skulpturen, Keramik und Aquarelle. Für den Blick zwischen Kunstgeschichte und Architektur ist dabei eine Unterscheidung wichtig: Ein künstlerisches Hausmodell muss weder einen Bauauftrag vorbereiten noch eine praktikable Wohnlösung liefern. Es kann eine räumliche Vorstellung zur Diskussion stellen, ohne sie als Rezept auszugeben.

Umgekehrt können aus Modellen tatsächlich Orte gemeinsamer Nutzung werden. Die Skulpturenhalle der Thomas Schütte Stiftung in Neuss ging aus einem solchen Entwurf hervor. Holzlamellen gliedern ihre äußere Betonwand, darüber liegt ein weit vorspringendes, gewölbtes Dach. Im Inneren befindet sich Ausstellungsraum, darunter das Depot. Hier wird nicht das Wohnen eines Einzelnen, sondern das Aufbewahren und öffentliche Zeigen von Kunst organisiert.

Zwischen Einzelhaus und Ausstellungshalle öffnet sich damit der gedankliche Raum dieser Vorschau. Gemeinschaft erscheint nicht notwendig als große Versammlung. Sie beginnt auch bei der Entscheidung, wer Zutritt bekommt, was sichtbar bleibt und welche Grenze Schutz gewährt. Ob und wie die Präsentation im K21 diese Spannungen erfahrbar macht, bleibt abzuwarten. Die Modelle geben Anlass, genau hinzusehen: nicht als fertige Gesellschaftsentwürfe, sondern als Häuser, an denen sich Vorstellungen vom Zusammenleben prüfen lassen.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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