BILDENDE KUNST · VORSCHAU

Sophie Calle und das Museum als Gedächtnisort

Zum 30. Geburtstag des Hamburger Bahnhofs nimmt Sophie Calle die Geschichte des Hauses und Berlins in den Blick. Ihre Ausstellung verbindet Fotografien, Texte und Fundstücke mit einem neuen Werk für die Sammlung.

Ein Museum ist mehr als ein Behälter für Kunst: Es ist ein Gebäude, das frühere Nutzungen und neue Deutungen übereinanderlagert. Sophie Calle kennt dieses Prinzip aus eigener Arbeit. Für ihre Berliner Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die am 13. November 2026 im Jubiläumsjahr des Hauses beginnt, werden die Spuren einer Stadt und die Vergangenheit eines Museums ineinandergeschoben.

Calle zeigt sechs Werkkomplexe aus drei Jahrzehnten – Fotografie, Text, Installation und Video. Ausgangspunkt ist eine Arbeit aus der Serie „Die Entfernung“ von 1996, die sich bereits in der Sammlung des Hauses befindet. Hinzu kommt ein neues Werk, das die Künstlerin anlässlich des 30. Geburtstags schafft und dem Museum überlässt. Was genau darin zu sehen sein wird, ist vorab noch nicht bekannt.

Was bleibt, wenn ein Zeichen verschwindet?

In „Die Entfernung“ fotografierte Calle öffentliche Orte in Berlin, an denen nach der Wiedervereinigung Symbole der DDR beseitigt worden waren. Zu den zwölf Bildern treten Beschreibungen von Passantinnen und Passanten. Die Arbeit richtet den Blick nicht allein auf das Verschwundene, sondern auch darauf, wie Menschen seine frühere Anwesenheit erinnern und in Worte fassen. Ein leeres Stück Wand oder ein veränderter Platz wird so zum Anlass, über die politische und persönliche Deutung von Geschichte nachzudenken.

Dass diese Arbeit von 1996 nun den Auftakt der Ausstellung bildet, ist mehr als eine Rückkehr in die eigene Vergangenheit der Künstlerin. Das Jahr ihrer Entstehung war zugleich das Gründungsjahr des Hamburger Bahnhofs als Museum. Ein Werk über entfernte Zeichen trifft damit auf ein Haus, dessen heutige Funktion eine frühere Nutzung überlagert: Der Bahnhof wurde zum Ort für Kunst. Der Ortsbezug liegt also nicht nur in den Motiven, sondern auch in der Frage, was ein Gebäude bewahrt und was es hinter sich lässt.

Ein Bahnhof erinnert sich an einen Bahnhof

Besonders deutlich wird diese Verschränkung in „Les fantômes d’Orsay“ von 2022. Die raumgreifende Installation entstand aus Calles Beschäftigung mit dem verlassenen Hotel im früheren Bahnhof Gare d’Orsay in Paris. Zwischen 1978 und 1981 hielt sie sich dort fast täglich in Zimmer 501 auf. Für ihre spätere Arbeit führte sie diese persönliche Spurensuche in den zum Museum gewordenen Ort zurück. Gefundene Gegenstände, Fotografien und Texte machen die abwesenden Nutzungen und Menschen zum Thema.

Auch der Hamburger Bahnhof ist nicht einfach eine neutrale Hülle für Gegenwartskunst. Seine Geschichte als Verkehrsbau und sein heutiger Museumsbetrieb stehen nebeneinander, ohne sich vollständig ineinander aufzulösen. Calle setzt damit eine Methode fort, die in vielen ihrer Arbeiten Bild und Schrift verbindet: Das Dokument belegt etwas, aber es erzählt nicht alles. Erinnerung entsteht im Abstand zwischen dem, was zu sehen ist, und dem, was Menschen darüber berichten.

Jubiläum als Auftrag

Ein Jubiläumswerk ist immer auch Teil der Selbsterzählung einer Institution. Wenn ein Museum eine Künstlerin einlädt, seine Geschichte zu berühren, kann daraus mehr werden als eine festliche Rückschau – aber das lässt sich vor der Eröffnung nicht vorwegnehmen. Entscheidend wird sein, ob das neue Werk den Blick auf die Sammlung und den Ort öffnet oder vor allem den Anlass beglaubigt.

Die Verbindung zu „Die Entfernung“ und zu „Les fantômes d’Orsay“ legt eine produktive Spannung nahe: Calle richtet Aufmerksamkeit auf Lücken, auf abgeräumte Zeichen und auf Gegenstände, die von einer vergangenen Nutzung zeugen. So wird das Museum nicht nur zum Ausstellungsort, sondern selbst zum Gegenstand einer Erinnerung, die unvollständig bleibt und sich weiter verändern kann. Die Ausstellung ist vom 13. November 2026 bis zum 2. Mai 2027 im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin angekündigt.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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