Lange bevor im Folkwang Gemälde von Renoir oder van Gogh Eingang fanden, sammelte Karl Ernst Osthaus Keramik, Textilien und Metallarbeiten aus Nordafrika und Westasien. Diese Reihenfolge verändert die vertraute Gründungserzählung: Das Museum begann nicht erst mit der europäischen Moderne. Seine frühe Idee war weiter gespannt – und an Vorstellungen darüber gebunden, was Kunst aus anderen Weltregionen für die Gegenwart leisten sollte.
Die Ausstellung „Nach Damaskus … Karl Ernst Osthaus und die islamischen Künste“ zeigt ab dem 6. November in Essen rund 340 Objekte. Sie stammen aus Regionen, die heute zu Iran, Syrien, der Türkei, Ägypten und Spanien gehören, und reichen vom 4. bis ins 19. Jahrhundert. Neben Bau- und Gefäßkeramik sind Glas, Metall und Textilien vertreten. Ein emaillierter Glasbecher aus Syrien oder Ägypten ist gerade einmal gut 18 Zentimeter hoch; eine spanische Keramikvase dagegen misst mehr als einen Meter. Schon diese Spannweite stellt die Frage, was die historische Sammelbezeichnung „islamische Kunst“ zusammenfasst – und was sie voneinander trennt.
Kunstgewerbe als Anfang
Osthaus begann 1898/99, islamische Kunst zu erwerben. Die Reisen in den Maghreb und das Osmanische Reich hatten zunächst auch naturwissenschaftlichen und ethnografischen Charakter; die Begegnungen weiteten seinen Blick auf Kunst und Architektur. Als das Museum 1902 in Hagen eröffnete, war die Sammlung islamischer Kunst bereits Teil seines Programms. Erst später kamen etwa Renoirs „Lise mit dem Sonnenschirm“ und weitere Werke der französischen Moderne hinzu.
Das war mehr als eine ungewöhnliche Vorliebe eines Sammlers. Osthaus verband bildende Kunst mit angewandten Künsten – also mit Gegenständen, deren Gestaltung und handwerkliche Herstellung im Alltag eine Rolle spielten. Die Objekte sollten nach Angaben des Museums nicht nur zeitgenössische Kunst anregen, sondern auch dem regionalen Kunstgewerbe Vorbilder und Maßstäbe geben: etwa der Keramik- und Textilherstellung oder dem Silberhandwerk. Die Begegnung mit Werken aus anderen Zeiten und Regionen war damit zugleich ein Reformprogramm für die eigene Gegenwart.
Im Hagener Museum wurden die Bestände anfangs aus finanziellen Gründen zusammen mit Gemälden und Skulpturen gezeigt. Die Verbindung verschiedener Gattungen und Epochen wurde bald zum Kennzeichen des Hauses. Das ist eine frühe Form von „Weltkunst“: Kunst nicht ausschließlich entlang nationaler Schulen oder einer europäischen Entwicklungsgeschichte zu ordnen, sondern Dinge aus unterschiedlichen Regionen in Beziehung zu setzen. Doch die Idee ist nicht automatisch frei von Hierarchien. Wenn Werke als Vorbilder für heimische Produktion dienen sollen, erscheinen ihre Herkunftskulturen leicht als Lieferantinnen von Formen, während die moderne europäische Kunst als Ort der Weiterentwicklung gilt.
Was die Ordnung sichtbar macht
Die aktuelle Schau setzt diese Geschichte nicht einfach als Erfolgserzählung fort. Sie macht Sammlung, Forschung und Präsentation selbst zum Thema. Neben den Objekten aus dem heutigen Bestand kehren Leihgaben zurück, die einst zum Folkwang-Kontext gehörten, darunter ein Teilstück des sogenannten Damaskuszimmers aus Dresden und eine Abschrift des persischen Epos „Šāhnāma“ aus der Berliner Staatsbibliothek. Ein Gemälde von Henri Matisse, Entwürfe und Fotografien sollen zeigen, wie eng die Sammlung mit weiteren künstlerischen und architektonischen Interessen des Hauses verbunden war.
Dass diese Bestände heute neu befragt werden, ist auch eine Frage der Quellenlage. Das Museum berichtet, die Sammlung sei in den vergangenen Jahren erstmals umfassend erforscht und restauriert worden; für ein Pilotprojekt zur Provenienzforschung seien rund 2.000 Seiten historischen Materials gesichtet worden. Daraus folgt nicht, dass sich für jedes Objekt bereits ein vollständiger Weg rekonstruieren lässt. Gerade deshalb ist wichtig, zwischen dem heutigen Wissen über einen Gegenstand und den Lücken seiner Überlieferung zu unterscheiden.
Auch die Begriffe verlangen Sorgfalt. „Islamische Kunst“ ist eine kunsthistorische Sammelkategorie, kein Hinweis darauf, dass alle Werke religiöse Funktionen hatten oder einer einheitlichen Kultur angehörten. Die Ausstellung verwendet im Titel die Bezeichnung „islamische Künste“ und rückt zugleich Perspektiven und Leerstellen der Sammlungsgeschichte in den Blick. Die zeitgenössische Künstlerin Dana Awartani ergänzt die historische Präsentation mit einer textilen Installation.
1922 wechselte die Folkwang-Sammlung von Hagen nach Essen, wo Stadt und Folkwang-Museumsverein sie gemeinsam sicherten. Die andere Gründungsgeschichte endet also nicht bei Osthaus’ frühen Ankäufen. Sie reicht bis zu der Frage, wie ein Museum seine Bestände ordnet, erforscht und mit ihrer Geschichte zeigt. Dass diese Dinge lange vor den kanonischen Namen der Moderne zum Folkwang gehörten, ist dabei keine Fußnote. Es ist ein Anlass, die Entstehung des Museums neu zu erzählen.
Redaktionell geprüft · 3. November 2026


