Wer sitzt wo – das klingt nach einer Frage für den Bühnenplan. Bei den Berliner Philharmonikern wurde daraus eine, die drei Konzerte mit Iván Fischer platzen ließ. Für Gustav Mahlers Fünfte Symphonie konnten sich Dirigent und Orchester nicht auf eine Aufstellung einigen; Andrés Orozco-Estrada übernahm die Termine vom 5. bis 7. November 2026. Der Anlass ist konkret: die Kontrabässe. Die Folgen reichen weiter – bis zu der Frage, wer über den Klangkörper verfügt, wenn dessen Vorstellungen auseinandergehen.
Ein Sitzplan ist kein neutrales Bild
Nach Angaben der Philharmoniker standen die Kontrabässe 2022 bei Fischers Aufführung von Mahlers Erster Symphonie mittig hinter den Holzbläsern. Für die neue Aufführungsserie wollte der Dirigent diese Anordnung wiederholen; das Orchester sprach sich dagegen aus. Die damalige Aufstellung habe sich nicht bewährt: In der Philharmonie gebe es keine Rückwände, die den Klang von dort aus in den Saal tragen könnten. Zudem sei der Blickkontakt zwischen den Gruppen beeinträchtigt gewesen.
Fischer beschreibt im öffentlich zugänglichen Teil eines Interviews mit dem VAN Magazin seine bevorzugte Grundaufstellung: Die Bässe stehen in der Mitte hinter den Holzbläsern, die Blechbläser seitlich daneben. Er begründet das mit seiner Klangvorstellung für das symphonische Repertoire. Das Interview ist nicht vollständig frei zugänglich; über seine Position lässt sich deshalb hier nur so weit berichten, wie sie im sichtbaren Teil erläutert wird.
Hören und gehört werden
Die Platzierung verändert nicht bloß, was das Publikum hört. Musikerinnen und Musiker müssen einander sehen und hören können: Eine Phrase, die von den ersten zu den zweiten Violinen wandert, braucht nicht nur einen Dirigierimpuls, sondern auch einen hörbaren und sichtbaren Kontakt zwischen den Gruppen. Sitzen Instrumente anders, verändern sich Abstände, Schallwege und mögliche Sichtachsen. Ein Bassblock hinter den Holzbläsern kann für eine Dirigentin oder einen Dirigenten eine andere Balance versprechen; für die Spielenden kann er zugleich Kommunikation erschweren.
Dass die Besetzung selbst den Schall auf der Bühne beeinflusst, ist messbar. Eine Studie in fünf Konzert- und Bühnenräumen fand, dass ein besetztes Podium direkte und reflektierte Schallanteile anders verändert als eine leere Bühne oder eine Bühne mit bloßen Stühlen und Pulten. Daraus folgt aber kein allgemeines Rezept für die „richtige“ Aufstellung – und schon gar kein Messurteil über die Berliner Philharmonie. Akustik hängt vom Raum, vom Repertoire und vom Zusammenspiel ab; was auf dem Papier plausibel aussieht, muss sich in der Probe bewähren.
Wer darf entscheiden?
Die Philharmoniker beantworten die Frage auf ihrer Website zunächst eindeutig: Die Dirigentin oder der Dirigent bestimme die Anordnung. Zugleich räumen sie ein, dass Traditionen gelten und Änderungen häufig mit dem Orchestervorstand abgesprochen werden. Der aktuelle Streit macht die Spannung zwischen diesen beiden Sätzen sichtbar. Eine Gastdirigentin oder ein Gastdirigent bringt eine eigene Klangidee mit; ein Orchester wiederum ist kein neutrales Instrument, das jede Anordnung ohne eigene Erfahrung übernimmt.
Das ist keine bloße Kompetenzfrage. Die Musikerinnen und Musiker tragen die Folgen einer Aufstellung unmittelbar: Sie müssen sich gegenseitig hören, Einsätze koordinieren und den Klang im Saal mitformen. Das Orchester verweist auf seine Erfahrung mit der früheren Anordnung und auf die Bedingungen seines Hauses. Fischer hält an einer bestimmten klanglichen Vorstellung fest. Die öffentlich zugänglichen Angaben erklären den Dissens, lösen ihn aber nicht auf: Eine unabhängige Darstellung der Gespräche oder eine direkte Stellungnahme Fischers zur konkreten Entscheidung liegt hier nicht vor.
Tradition, Versuch, Kompromiss
Orchester sitzen nicht seit jeher in einem einzigen unveränderlichen Muster. Bei den Streichern gibt es etwa die sogenannte deutsche Aufstellung, bei der sich erste und zweite Violinen gegenüber sitzen, und Varianten, in denen sie nebeneinander spielen. Solche Anordnungen können den Dialog zwischen Stimmen unterschiedlich deutlich machen. Auch Bässe und Hörner wechseln je nach Tradition und musikalischer Absicht ihren Platz. Die Sitzordnung ist damit Teil der Interpretation – aber kein Ersatz für sie.
Der Berliner Fall zeigt, wie eng künstlerische Freiheit und kollektive Praxis ineinandergreifen. Ein Dirigent kann eine Aufstellung vorschlagen; daraus folgt nicht automatisch, dass ein Orchester sie akzeptiert. Umgekehrt kann die gewohnte Ordnung nicht für jedes Werk als einzig sinnvolle gelten. Zwischen beiden Positionen liegt die Probe: der Ort, an dem sich eine Klangidee an realen Ohren, Instrumenten und räumlichen Bedingungen messen lässt. In Berlin kam es diesmal nicht zu einer gemeinsamen Lösung. Der Wechsel am Pult ist deshalb auch ein selten deutliches Beispiel dafür, dass die Frage „Wer sitzt wo?“ letztlich eine Frage danach ist, wie ein Orchester gemeinsam entscheiden kann.
Redaktionell geprüft · 4. November 2026


