Ein Satz steht am Anfang: „Ich möchte ein solcher werden, wie einmal ein anderer gewesen ist.“ In Peter Handkes „Kaspar“ ist das keine harmlose Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Der Satz wird zum Material, an dem andere arbeiten. Stimmen benennen Dinge, üben Wörter und ordnen die Welt – und bringen den sprachlosen Kaspar dabei nicht nur zum Sprechen, sondern auch in eine Form.
Am Samstag, 31. Oktober, hat das Stück am Schauspiel Köln Premiere. Regie führt Claudia Bauer, die dort erstmals inszeniert. Das Haus kündigt einen Abend mit groteskem Humor, Wortakrobatik und Live-Musik an. Über die konkrete Aufführung lässt sich vor der Premiere noch kein Urteil fällen. Doch Handkes Stück stellt eine Frage, die weit über Kaspars erfundene Sprachlosigkeit hinausweist: Wer darf festlegen, wie man etwas sagt – und was als richtiges Sprechen gilt?
Wörter ordnen die Welt
Handke veröffentlichte „Kaspar“ 1968; im selben Jahr kam das Stück auf die Bühne. Es nimmt die historische Figur Kaspar Hauser zum Ausgangspunkt, erzählt aber nicht dessen Leben nach. Der Autor formuliert sein Vorhaben vielmehr als Versuch, zu zeigen, was mit einem Menschen möglich ist, wenn man ihn durch Sprache zum Sprechen bringt. Kaspar beginnt mit einem einzigen Satz. Die Einsager liefern ihm Wörter, Sätze und Deutungen – eine scheinbare Hilfe, die zugleich seinen Blick lenkt.
Darin liegt die eigentümliche Spannung des Stücks: Sprache macht Verständigung erst möglich, aber sie kommt nicht neutral daher. Wer die Wörter vermittelt, vermittelt auch Unterscheidungen, Regeln und Erwartungen. Das Kind lernt nicht nur, Dinge zu benennen. Es lernt, wie die anderen die Dinge benennen. Handkes Sprachversuch lässt sich deshalb als Theater über Erziehung und gesellschaftliche Anpassung lesen – nicht als realistische Fallgeschichte über Hauser.
Ein musikalisches Machtgefüge
Für Köln kündigt das Schauspiel ein „musikalisches Machtgefüge“ an. Die Musik komponiert Arpen Daks; Daks und Elisabeth Coudoux spielen live. Patricia Talacko gestaltet die Bühne, Vanessa Rust die Kostüme. Jan Isaak Voges verantwortet die Videoart, Jan Steinfatt das Licht. Zur Besetzung gehören Andreas Grötzinger, Fabian Reichenbach, Rebekka Biener, Katharina Schmalenberg, Annika Meier, Elias Eilinghoff und Julia Schubert. Die Produktionsangaben versprechen damit ein Zusammenspiel von Sprache, Musik und Bild – wie genau es auf der Bühne wirkt, wird erst die Aufführung zeigen.
Bauers Arbeit ist dem Kölner Publikum neu; sie inszeniert am Haus zum ersten Mal. Die Regisseurin war zuvor unter anderem Hausregisseurin am Schauspiel Leipzig und ist seit der Spielzeit 2024/25 am Residenztheater München engagiert. Ihre Kölner „Kaspar“-Inszenierung rückt ein Stück ins Zentrum, dessen Sprachkritik bis heute anschlussfähig ist: Beim Sprechenlernen geht es nicht allein um Wörter, sondern auch um Zugehörigkeit und Normen.
Die Kosten des Dazugehörens
Das Thema lässt sich auch im Theater selbst wiederfinden. Auf einer Bühne entscheidet Sprache mit darüber, wer verstanden wird, wer sich sicher ausdrücken kann und wessen Sprechweise als Abweichung erscheint. Das ist keine Behauptung über diese konkrete Produktion, sondern eine Frage, die Handkes Stück an sein Publikum weitergibt. Die Kölner Ankündigung setzt auf Humor und musikalische Zuspitzung; ob daraus Leichtigkeit, Unbehagen oder beides entsteht, bleibt bis zur Premiere offen.
„Kaspar“ beginnt am 31. Oktober um 19.30 Uhr im Schauspielhaus des Schauspiel Köln. Eine Einführung ist für 19 Uhr angekündigt. Dass Kaspar sprechen lernt, bedeutet in Handkes Stück nicht einfach, dass ihm eine Stimme gegeben wird: Es bedeutet, dass andere an seiner Stimme mitformen. Darin liegt der Konflikt – und der Grund, weshalb dieses Stück seine Fragen nicht mit dem ersten verständlichen Satz erledigt.
Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026


