Ein Satz ist noch keine gemeinsame Sprache. Für Kaspar aber ist er zunächst alles, was ihm zur Verfügung steht: etwas Eigenes, das er wiederholen und verändern kann. Dann melden sich die Einsager. Sie liefern Wörter, stellen Zusammenhänge her, machen die Welt verständlich. Mit jedem sprachlichen Fortschritt wächst auch ihre Verfügung über den Lernenden. Peter Handkes „Kaspar“ stellt damit eine unbequeme Frage: Wann wird Hilfe zur Herrschaft?
Claudia Bauer nimmt sie am Schauspiel Köln auf. Ihre Inszenierung hat am 31. Oktober 2026 um 19.30 Uhr im Schauspielhaus am Offenbachplatz Premiere. Angekündigt ist ein Abend mit Live-Musik und groteskem Humor. Interessant ist daran nicht allein die Kritik an autoritärer Erziehung, sondern deren schwer aufzulösender Widerspruch: Ohne Sprache bleibt Kaspar ausgeschlossen; mit ihr übernimmt er die Ordnung der anderen.
Wer erklärt, bestimmt
Handkes Figur ist keine historische Rekonstruktion des Findlings Kaspar Hauser. Der Name dient vielmehr einem Versuch über das Formbarwerden eines Menschen. Die Einsager vermitteln nicht bloß Bezeichnungen. Indem sie erklären, wie Dinge zusammengehören und wie man sich zu ihnen verhält, setzen sie Maßstäbe. Sprachunterricht wird zur Einführung in das gesellschaftlich Erwünschte.
Für das Theater liegt darin eine besondere Möglichkeit: Macht muss nicht erst durch eine Handlung hinter den Worten sichtbar werden. Sie kann im Sprechen selbst auftreten – im Wiederholen, im Korrigieren, im Anspruch einer Stimme, die richtige Form vorzugeben. Ein freundlich formulierter Satz wäre dann keineswegs das Gegenteil eines Befehls. Entscheidend wäre, ob Kaspar ihm widersprechen kann.
Die Gegenfrage gehört allerdings dazu: Ist jede sprachliche Formung schon Unterwerfung? In einem am 29. Oktober veröffentlichten Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger beschreibt Bauer Erziehung als widersprüchlichen Vorgang. Sie ermögliche Verständigung und könne zugleich Eigenständigkeit beschädigen. Nicht die Abschaffung von Erziehung ist ihr Schluss daraus, sondern deren kritische Befragung. Das bewahrt den Stoff vor der allzu einfachen Gegenüberstellung von freiem Einzelnen und böser Gesellschaft.
Der Takt der Anpassung
Bauers musikalischer Ansatz setzt an Handkes Wiederholungen und Variationen an. Im selben Interview erläutert sie den Zusammenhang mit dem rhythmischen Lernen von Sprache; zugleich verweist sie auf die suggestive Wirkung des Singens. Für die Vorschau ergibt sich daraus eine Erwartung, noch kein Befund: Musik könnte hörbar machen, wie sich eine Vorgabe einprägt, bevor man über ihren Inhalt nachdenkt.
Arpen Daks verantwortet die Komposition und spielt gemeinsam mit Elisabeth Coudoux live. Auf der Besetzungsliste stehen Elias Eilinghoff, Katharina Schmalenberg, Annika Meier, Andreas Grötzinger, Rebekka Biener, Julia Schubert und Fabian Reichenbach. Patricia Talacko gestaltet die Bühne, Vanessa Rust die Kostüme, Jan Steinfatt das Licht. Hinzu kommen Videoarbeit von Jan Isaak Voges und Live-Kamera von Ulrike Schild. Wie diese Mittel Kaspars Verhältnis zu den Einsagern organisieren, bleibt abzuwarten.
Die Verbindung von Sprachmaterial und Musik hat in Bauers Arbeit einen konkreten Vorläufer: „humanistää!“ nach Ernst Jandl am Wiener Volkstheater, 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Talacko und Eilinghoff waren bereits daran beteiligt. Das ist ein Arbeitszusammenhang, keine Vorhersage für Köln.
Bei „Kaspar“ wird es darauf ankommen, ob der musikalische Rhythmus den Gehorsam nicht nur illustriert, sondern als verführerisches Angebot erkennbar macht. Denn gemeinsam sprechen zu können bedeutet auch Zugehörigkeit. Die offene Frage dieses Abends lautet deshalb nicht nur, was Kaspar lernen muss – sondern welchen Spielraum ihm das Gelernte lässt.
Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026


