Ein Ballettabend kann eine Welt aus einem Guss entwerfen. „Different Grounds“ setzt auf den Kontrast: Drei Choreograf*innen, drei Stücke, drei unterschiedliche Wege, den Körper auf der Bühne zu organisieren. Am 31. Oktober bringt das Semperoper Ballett die Arbeiten von Stephanie Lake, Julian Nicosia und Shahar Binyamini zur Uraufführung.
Der Titel verspricht keine einheitliche Grammatik, sondern Begegnung über Differenzen hinweg. Die Semperoper beschreibt die Perspektiven als Beiträge aus drei Kontinenten. Gemeinsam ist ihnen zunächst der Rahmen: Alle drei Choreograf*innen entwerfen für ihre Arbeit auch Kostüme und Licht. Was daraus konkret an Bildern und Bewegungsformen entsteht, wird erst die Aufführung zeigen.
Drei Handschriften, ein Ensemble
Den Auftakt bildet „Quanta“ von Stephanie Lake, choreografiert zur Musik von Robin Fox. Die australische Choreografin ist dem Haus bereits durch ihre künstlerische Residenz verbunden; nun entwickelt sie erstmals ein Werk für die große Bühne der Semperoper. Auf „Quanta“ folgt „A Quiet Collision“ des Franzosen Julian Nicosia. Die Musik dazu stammt von Michael Anklin und Janiv Oron.
Den Abschluss bildet „Body Suites“ des israelischen Choreografen Shahar Binyamini, zu Musik von Johann Sebastian Bach. Der Wechsel von elektronisch geprägten Klangwelten zu Bach setzt unterschiedliche musikalische Bezugspunkte nebeneinander. Eine Dramaturgie, die nicht bloß drei Namen auf ein Programmblatt setzt, sondern auch danach fragen lässt, wie Bewegung auf verschiedene Klanglogiken reagiert.
Ballett als offene Form
„Different Grounds“ gehört zu einer Tradition des Balletts, die sich nicht auf eine einzige technische oder ästhetische Norm festlegen lässt. Der klassische Bühnentanz bleibt sein Bezugspunkt, doch zeitgenössische Choreografie kann dessen Ordnung verschieben: in der Dynamik, in der Gruppierung, im Verhältnis von Musik und Bewegung. Ein dreiteiliger Abend macht solche Unterschiede sichtbar, ohne sie zwangsläufig zu einer gemeinsamen Erzählung zu glätten.
Das ist auch eine Frage an ein großes Repertoirehaus. Die Semperoper präsentiert hier nicht nur ein Ensemble in neuen Arbeiten, sondern macht die Vielfalt choreografischer Gegenwart zum Programm. Dass alle drei Künstler*innen sowohl Kostüm als auch Licht verantworten, verspricht zudem eine enge Verbindung von Bewegung und visueller Gestaltung – nicht als bloßer Schmuck, sondern als Teil der jeweiligen choreografischen Handschrift.
Die Premiere als Auftakt
Für das Semperoper Ballett ist der Abend zugleich ein Format der Begegnung: Das Ensemble wechselt innerhalb eines Programms zwischen drei Arbeitsweisen, während das Publikum unterschiedliche Vorstellungen davon vergleichen kann, was Ballett heute trägt. Die Premiere am 31. Oktober eröffnet diese Begegnung. Ob die drei Stücke einander ergänzen, widersprechen oder bewusst auseinanderlaufen, lässt sich vor dem ersten Vorhang nicht seriös vorwegnehmen. Sicher ist: „Different Grounds“ macht die Verschiedenheit selbst zum Thema.
Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026


