BÜHNE · HINTERGRUND

Drei neue Arbeiten, ein Ensemble: Wie das Semperoper Ballett sein Profil entwickelt

Drei Choreograf*innen, drei Uraufführungen, ein klassisch geschultes Ensemble: „Different Grounds“ setzt auf künstlerische Verschiedenheit statt auf einen vertrauten Namen. Der Abend zeigt, wie ein Haus sein Profil nicht nur durch Repertoire, sondern durch Zusammenarbeit formt.

Am 31. Oktober 2026 hat „Different Grounds“ an der Semperoper Premiere: ein dreiteiliger Ballettabend, drei Uraufführungen, drei choreografische Handschriften. Stephanie Lake, Julian Nicosia und Shahar Binyamini arbeiten für das Semperoper Ballett. Die Frage hinter dem Programm reicht über den Premierenabend hinaus: Wie wird aus einem Ensemble mit klassischer Ausbildung ein Haus, das für mehr steht als die Pflege vertrauter Werke und Namen?

Die Antwort liegt nicht in einem einzigen Stil. Sie entsteht aus Entscheidungen darüber, wer choreografiert, wie Tänzer*innen an der Entwicklung beteiligt sind und welche Bewegungssprachen in einem Haus aufeinandertreffen. „Different Grounds“ macht diese kuratorische Frage zum Prinzip des Abends.

Drei Arbeiten, kein Einheitsstil

Die drei Teile setzen unterschiedliche musikalische Bezugspunkte. In „Quanta“ choreografiert Lake zu Musik von Robin Fox; „A Quiet Collision“ von Nicosia verwendet eine Komposition von Michael Anklin und Janiv Oron. Binyaminis „Body Suites“ steht zu Musik von Johann Sebastian Bach. Die Semperoper führt bei allen drei Arbeiten die Choreograf*innen zugleich als Verantwortliche für die Kostüme auf; beim Lichtdesign arbeiten sie jeweils mit Fabio Antoci zusammen.

Das Programm verspricht damit nicht, aus drei Positionen eine geschlossene Ästhetik zu destillieren. Es stellt sie nebeneinander. Schon die Kombination aus elektronischer Musik und Bach markiert verschiedene Ausgangspunkte, ohne dass sich daraus allein verlässlich auf die Wirkung der Choreografien schließen ließe. Wie die Unterschiede auf der Bühne konkret Gestalt annehmen, kann nur eine Aufführungsbeobachtung zeigen.

Das Ensemble als Mitspieler

Eine neue Choreografie ist kein fertiges Bild, das lediglich auf Körper übertragen wird. Sie entsteht in der Arbeit mit den Tänzer*innen: in Proben, beim Erproben von Bewegungen und in der Frage, welche Möglichkeiten die jeweilige Gruppe mitbringt. Die Semperoper beschreibt die drei Choreograf*innen als Künstler*innen, die ihre Bewegungssprache auch aus der Zusammenarbeit mit den Tänzer*innen entwickeln. Zugleich verweist das Haus auf die klassische Ausbildung des Ensembles: Ballettelemente wie die fünf Fußpositionen oder Spitzenschuhe können in zeitgenössische Arbeiten hineinwirken.

Das ist ein produktiver Spannungsraum, keine automatische Synthese. Klassische Technik liefert Präzision, Linien und ein gemeinsames körperliches Vokabular; zeitgenössische Choreografie kann dieses Vokabular aufnehmen, verschieben oder ihm andere Anforderungen entgegensetzen. Ein Ensembleprofil zeigt sich deshalb nicht darin, dass alle Bewegungen gleich aussehen. Es entsteht auch darin, wie vielseitig die Tänzer*innen auf unterschiedliche choreografische Verfahren reagieren können.

Profil ist eine Spielplanfrage

Mit Kinsun Chan steht seit der Spielzeit 2024/25 ein Choreograf an der Spitze des Semperoper Balletts, der das Profil des Hauses durch eigene Arbeiten und Gastchoreografien gestalten kann. „Different Grounds“ nimmt in dieser Spielzeit eine besondere Position ein: Drei Uraufführungen stehen neben Repertoiretiteln wie John Crankos „Onegin“ und dem „Nussknacker“. In der Saison 2026/27 folgt außerdem Chans eigene „Cinderella“.

Das Nebeneinander ist kein Bruch mit der Tradition, sondern eine Möglichkeit, sie neu zu befragen. Ein Repertoire hält überlieferte Formen präsent; neue Arbeiten prüfen, was ein Ensemble mit seiner Technik und Erfahrung heute daraus machen kann. Auch eine zeitgenössische Produktion wird nicht allein dadurch zum Profil, dass sie neu ist. Entscheidend ist, ob ein Haus solche Begegnungen wiederholt ermöglicht und damit eine erkennbare Praxis aufbaut.

Der Titel „Different Grounds“ lässt sich als programmatische Einladung lesen: verschiedene choreografische Voraussetzungen treffen auf denselben Klangkörper. Ob daraus ein eigenständiger Dresdner Ton entsteht, entscheidet sich nicht an einem Premierenabend. Es zeigt sich über Zeit – in den Künstler*innen, die wiederkehren, den Tänzer*innen, die ihre Möglichkeiten erweitern, und einem Spielplan, der Vielfalt nicht bloß ankündigt, sondern ihr Raum gibt.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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