MUSIK · HINTERGRUND

Wer spricht für die Natur, wenn sie zur Musik wird?

Wien Modern rückt Flüsse, Wälder, Insekten und den Klang unter der Erde ins Zentrum. Doch Natur klingt im Konzert nie einfach unvermittelt: Aufnahmen werden ausgewählt, bearbeitet und in eine musikalische Form gebracht.

Naturaufnahmen wirken im Konzert zunächst wie ein Versprechen unmittelbarer Nähe: Wasser, das fließt, Insekten, die zirpen, ein Wald, der rauscht. Doch zwischen Ort und Lautsprecher liegt eine Kette von Entscheidungen. Jemand wählt den Ausschnitt, setzt ein Mikrofon, bestimmt Dauer und Lautstärke, schneidet, überlagert oder belässt den Klang unverändert. Wer spricht also, wenn Natur zur Musik wird? Nicht die Natur allein. Es sprechen auch die Hörenden, die Technik und die Form, in die ein Klang gebracht wird.

Wien Modern macht diese Frage in seiner 39. Ausgabe zum roten Faden. Das Festival läuft vom 30. Oktober bis 30. November 2026 und führt sein Publikum entlang der Donau, in den Wald, in den Boden und zu kaum wahrnehmbaren Insektenklängen. Die Spannweite reicht von Pia Palmes mit Lisa Horvath entwickeltem Werk «Mit der Donau» bis zu Annea Lockwoods «Sound Map of the Danube», einer Installation mit Aufnahmen von mehr als 50 Orten am Fluss.

Eine Aufnahme ist bereits eine Perspektive

In der Ökoakustik wird eine Klanglandschaft häufig nach ihren Quellen beschrieben: Biophonie meint Laute von Lebewesen, Geophonie natürliche Prozesse wie Wind oder Wasser, Anthrophonie die von Menschen und Technik erzeugten Geräusche. Diese Kategorien helfen, Klänge zu ordnen. Sie sagen aber noch nicht, was eine Aufnahme bedeutet – oder was in ihr fehlt.

Ein Mikrofon hört nicht neutral. Standort, Richtwirkung und Empfindlichkeit beeinflussen, was aufgenommen wird; die spätere Wiedergabe verschiebt den Klang nochmals in einen anderen Raum. Was im Wald ein Geräusch unter vielen war, kann im Konzertsaal plötzlich allein im Zentrum stehen. Umgekehrt kann eine musikalische Bearbeitung das Eigenleben einer Aufnahme verdecken: Der Vogelruf wird dann womöglich zum pittoresken Zeichen für «Natur», das Wasser zur dekorativen Fläche.

Das ist kein Argument gegen künstlerische Eingriffe. Komposition ist Auswahl und Anordnung. Entscheidend ist eher, ob ein Werk seine Vermittlung sichtbar oder hörbar macht – und ob es die Aufnahme als Material behandelt, ohne ihren Ursprung zum bloßen Effekt zu verkürzen. Ein Geräusch kann zugleich ästhetische Gestalt und Spur eines konkreten Ortes sein.

Vom Feld in den Konzertsaal

Das Festivalprogramm setzt unterschiedliche Maßstäbe des Hörens nebeneinander. Kirsten Reese arbeitet in «Future Forest» mit Field Recordings aus dem Schwarzwald und dem Lainzer Tiergarten; die Produktion entsteht mit dem Ensemble Recherche und wissenschaftlicher Begleitung durch die Ökoakustikerin Sandra Müller. In «Unter uns» macht Dimitri de Perrot die Klangwelt unter der Erdoberfläche zum Gegenstand einer räumlichen Arbeit im Jugendstiltheater. Jean-Luc Hervé bringt Insektenklänge, Schlagzeug und Raumelektronik in die Zacherlfabrik – einen Ort, an dem einst Insektengift hergestellt wurde. Solche Ortsbezüge lassen Natur nicht als zeitlose Idylle erscheinen: Auch die menschliche Geschichte und Nutzung eines Raums gehört zum Klangbild.

Am 22. November folgt im Wiener Konzerthaus die Uraufführung von Katharina Klements «Schaum», dem Werk der diesjährigen Erste-Bank-Kompositionspreisträgerin. Das Klangforum Wien spielt das Ensemblewerk unter der Leitung von Bas Wiegers. Klement arbeitet in ihrem breiten Schaffen mit komponierter und improvisierter, elektronischer und instrumentaler Musik; die Veranstalter beschreiben ihre Praxis als Einbeziehung akustischer und sozialer Wirklichkeiten. «Schaum» ist damit nicht automatisch ein Naturstück. Gerade diese Unterscheidung ist wichtig: Ökologisches Denken in Musik muss nicht bedeuten, Tierstimmen abzubilden. Es kann ebenso die Frage betreffen, wie Klänge sich mischen, wie Material organisiert wird und wer oder was im Hören im Vordergrund steht.

Zuhören ist noch kein Schutz

Die Idee, Umwelt nicht nur anzusehen, sondern als Klangzusammenhang wahrzunehmen, hat eine längere Geschichte. R. Murray Schafer und das World Soundscape Project machten seit den späten 1960er-Jahren die akustische Umwelt selbst zum Gegenstand von Forschung und Gestaltung. Die jüngere Soundscape-Ökologie untersucht, wie biologische, geophysikalische und menschengemachte Klänge zusammenhängen und sich verändern. Musik und Wissenschaft verfolgen dabei verschiedene Ziele: Die eine kann Bedeutung, Mehrdeutigkeit und Form erfahrbar machen; die andere muss ihre Beobachtungen nachvollziehbar messen und einordnen.

Ein Konzert ersetzt keine ökologische Bestandsaufnahme. Auch eine eindrucksvolle Aufnahme belegt für sich allein weder Artenreichtum noch den Zustand eines Lebensraums. Aber sie kann die Aufmerksamkeit verschieben: weg vom Menschen als einzigem Maßstab, hin zu Rhythmen, Überlagerungen und Geräuschen, die im Alltag leicht überhört werden. Wer für die Natur spricht, bleibt dabei eine offene Frage. Vielleicht liegt die Aufgabe der Musik weniger darin, ihr eine Stimme zu verleihen, als die Bedingungen des eigenen Hörens offenzulegen.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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