FILM · HINTERGRUND

Shida Bazyar zwischen Literaturpreis und Leinwand

Am 5. November kommt Milena Aboyans Verfilmung von Shida Bazyars „Drei Kameradinnen“ in die deutschen Kinos. Zwei Tage später erhält Bazyar in Braunschweig den Wilhelm Raabe-Literaturpreis – für einen anderen Roman und doch im selben gesellschaftlichen Resonanzraum.

Am 5. November kommt Milena Aboyans Film „Drei Kameradinnen“ in die deutschen Kinos. Zwei Tage später wird Shida Bazyar in Braunschweig mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet – für „Die Lücken“, ihren 2026 erschienenen dritten Roman. Zwei öffentliche Anlässe, zwei Werke, eine Autorin: Die zeitliche Nähe lädt dazu ein, Bazyars Gegenwartsthemen zusammenzudenken. Sie sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Film und Preis unterschiedliche Wege der Aufmerksamkeit eröffnen.

Die Verfilmung beruht auf Bazyars gleichnamigem Roman von 2021. Im Zentrum stehen die Freundinnen Kasih, Hani und Saya, die sich nach Jahren in ihrer früheren Siedlung wiedersehen. Als ein Wohnhaus brennt und Saya unter Verdacht gerät, wird Kasih für eine Fernsehreportage nach der gemeinsamen Geschichte gefragt. Aboyan, die auch das Drehbuch schrieb, stellt damit eine Frage, die schon der Ausgangspunkt des Buches ist: Wer darf erzählen, was geschehen ist – und wem wird geglaubt?

Wenn eine Geschichte das Medium wechselt

Der Wechsel vom Roman zum Film ist mehr als eine neue Verpackung. Bazyars Buch lässt die Geschichte durch eine Ich-Erzählerin aufscheinen, deren Erinnern und Erzählen selbst Teil des Konflikts ist. Der Film nimmt die Fernsehreportage und die Rekonstruktion der Freundschaft in seine Anlage auf. So wird das Erzählen nicht nur zum Thema, sondern zum sichtbaren Rahmen der Handlung: Erinnerungen, Fragmente und Widersprüche sollen eine gemeinsame Vergangenheit ergeben, während die öffentliche Deutung längst in Gang ist.

Das verändert auch die Art, wie ein Publikum der Geschichte begegnet. Im Roman entsteht Nähe durch die Stimme und ihre Perspektive; im Film treten Körper, Gesichter und Situationen hinzu. Was das konkret für Bildgestaltung und Schauspiel bedeutet, lässt sich ohne eigene Sichtung nicht seriös beschreiben. Sicher ist: Aboyan ist nicht bloß Überträgerin einer fertigen Vorlage. Als Regisseurin und Drehbuchautorin trifft sie Entscheidungen darüber, was die Leinwand erzählt und wie sie die Perspektive der Vorlage organisiert. Mit Bayan Layla, die bereits in Aboyans Spielfilmdebüt „Elaha“ die Hauptrolle spielte, arbeitet sie erneut zusammen.

Bazyars Roman richtet den Blick auf Alltagsrassismus, Hass und rechten Terror, aber ebenso auf die Freundschaft der drei Frauen. Die Konstellation verweigert eine einfache Aufteilung in Betroffene, Beobachtende und Erklärende: Die Freundinnen sind nicht nur Gegenstand einer öffentlichen Geschichte, sondern haben eigene Stimmen und Deutungen. Im Kino wird diese Spannung einem breiteren Publikum zugänglich, zugleich verändert die filmische Erzählform den Zugang. Eine Verfilmung macht die Vorlage nicht automatisch verständlicher oder eindeutiger; sie setzt andere Akzente und schafft ein eigenständiges Werk.

Ein Preis für einen anderen Roman

Der Raabe-Preis gilt nicht „Drei Kameradinnen“, sondern Bazyars aktuellem Buch „Die Lücken“. Die Jury zeichnet darin ein historisches Panorama eines fiktiven Orts im Hunsrück: Der Roman setzt in den 1920er Jahren an und verbindet verschiedene Zeitebenen und Perspektiven. Im Zentrum stehen Erinnerung, Verdrängung und die Frage, wie sich Ausgrenzung und Antisemitismus in einer deutschen Ortsgeschichte fortschreiben. Der Preis, den Stadt Braunschweig und Deutschlandfunk gemeinsam vergeben, ist mit 30.000 Euro dotiert.

Dass die Auszeichnung nur zwei Tage nach dem Kinostart verliehen wird, schafft eine seltene Konstellation: Ein älterer Roman wird zur Leinwandgeschichte, während ein neuerer Roman institutionelle Anerkennung erhält. Der Preis vergrößert die Aufmerksamkeit für Bazyars Werk, aber er macht die beiden Bücher nicht zu Varianten derselben Aussage. „Drei Kameradinnen“ erzählt von Freundschaft und Gegenwart, „Die Lücken“ von historischer Erinnerung und ihren Konflikten. Gemeinsam ist ihnen, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht abstrakt bleiben: Sie werden in konkreten Biografien und Perspektiven erfahrbar.

Für eine Autorin bedeutet solche Sichtbarkeit mehr als zusätzliche Reichweite. Der Film bringt eine Geschichte in ein Medium mit eigener Öffentlichkeit; der Literaturpreis hebt ein anderes Buch hervor und ordnet es in die Gegenwartsliteratur ein. Daraus folgt nicht, dass ein Preis die Deutung eines Romans festschreibt oder eine Verfilmung dessen politische Fragen abschließend beantwortet. Eher entsteht ein Gespräch zwischen Werken, Medien und Publikum – und die Gelegenheit, Bazyars unterschiedliche Erzählformen nebeneinander wahrzunehmen.

Der Kinostart lenkt den Blick auf die Frage, wer in einer aufgeheizten Öffentlichkeit erzählen und gehört werden kann. Die Preisverleihung lenkt ihn auf die langen Linien der Geschichte, in denen Erinnerung und Ausgrenzung verhandelt werden. Dass beides in derselben Woche geschieht, ist kein Beweis für eine gemeinsame Botschaft. Es macht aber sichtbar, wie Literatur, Film und Auszeichnung jeweils eigene Zugänge zu den Themen schaffen, mit denen sich Bazyar beschäftigt.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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