ARCHITEKTUR & DESIGN · PORTRÄT

Nicht abreißen: Was sich von Barbara Buser lernen lässt

Barbara Buser macht aus alten Fabriken neue Stadträume und aus gebrauchten Bauteilen Architektur. Zum Kinostart des Films über sie zeigt sich, was diese Haltung verlangt – und wo ihre Umsetzung in Deutschland und der Schweiz schwierig wird.

Ein Abriss schafft Platz – und beseitigt Möglichkeiten. Für die Basler Architektin Barbara Buser ist ein ausgedientes Fabrikgebäude zuerst eine Aufgabe, kein Hindernis. Gabriele Schärers Dokumentarfilm „Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit“ startet am 29. Oktober 2026 in den deutschen Kinos. Er lenkt den Blick auf eine Architektin, deren Arbeit eine praktische Frage stellt: Wie lässt sich mit dem weiterbauen, was schon da ist?

Erhalten ist Organisationsarbeit

Die 1954 geborene Buser studierte Architektur an der ETH Zürich und arbeitete später unter anderem in Tansania. Dort war sie an der Universität von Daressalam auch für die Abfallentsorgung zuständig. „Der Abfall der einen wurde von anderen als Rohstoff genutzt“, erinnerte sie sich 2023 im Interview mit der Plattform Zirkulie. Das ist ein Schlüssel zu ihrer Haltung: Vorhandenes nicht vorschnell als wertlos abschreiben.

Zurück in Basel gründete sie Mitte der neunziger Jahre die Bauteilbörse mit. 1998 folgte mit Eric Honegger das Baubüro Mitte, aus dem baubüro in situ hervorging. Buser baut nicht nur um; sie schafft auch die Strukturen dafür. 2026 erhielt sie den Jane Drew Prize for Architecture.

Das Gundeldinger Feld zeigt, wie weit das über Materialfragen hinausreicht. Mit der Kantensprung AG entwickelten Buser und ihre Mitstreiter ab 2000 das ehemalige Basler Fabrikareal zu einem Quartierzentrum mit Werkstätten, Kultur und Gastronomie. Die alten Hallen erhielten neue Aufgaben. Der Maßstab ist hier nicht allein das einzelne Haus, sondern sein Nutzen für die Nachbarschaft.

Das Fundstück entwirft mit

Am Winterthurer Projekt „K.118 – Kopfbau Halle 118“, 2021 fertiggestellt, lässt sich die Methode bis in die Konstruktion verfolgen. Für die Stiftung Abendrot setzte baubüro in situ drei Geschosse auf einen bestehenden Hallenkopf. Stahl aus einem Basler Rückbau trägt die Erweiterung; gebrauchte Fenster und eine Außentreppe aus Zürich wurden erneut eingebaut. Die Maße der verfügbaren Stahlkonstruktion bestimmten Raumhöhen und Grundrissdimensionen.

Der Entwurf verlangt also nicht einfach nach passend bestelltem Material. Er muss auf Funde reagieren. Das Büro nennt rund 5,26 Millionen Franken Anlagekosten für Sanierung und Aufstockung; die Kosten seien im veranschlagten Rahmen eines gleichartigen Neubaus geblieben. Gebraucht bedeutet nicht automatisch billig.

Warum es trotzdem schwierig bleibt

Wiederverwendung spart Material, verlangt aber zusätzliche Arbeit. Der Leitfaden von EnergieSchweiz beschreibt für die Schweizer Praxis die notwendigen Schritte: Bauteile erfassen, prüfen, schonend ausbauen, lagern und wieder einfügen. Rückbau und Wiedereinbau müssen zeitlich zusammenpassen. Auch muss geklärt werden, ob ein altes Bauteil heutige Sicherheits-, Schall- und Wärmeschutzanforderungen erfüllt.

In Deutschland versucht etwa Baden-Württemberg, den Umgang mit technischen Nachweisen zu erleichtern. Das Land hat dafür einen Leitfaden zur Wiederverwendung tragender Stahl- und Holzbauteile entwickelt. Er soll die Prüfung vereinfachen, ersetzt aber nicht den erforderlichen Nachweis ihrer Verwendbarkeit. Die Hürde liegt also nicht nur im guten Willen, sondern auch in dokumentierter Qualität und planbaren Verfahren.

Busers Arbeit legt deshalb eine anspruchsvollere Lehre nahe als bloße Abrissvermeidung: Bestand früh untersuchen, Nutzungen gemeinsam entwickeln und Geld für die Arbeit mit dem Gebrauchten vorsehen. Nicht neu zu bauen heißt nicht, nichts zu gestalten.

Redaktionell geprüft · 25. Oktober 2026

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