BILDENDE KUNST

Angst ausstellen, ohne sie zu bewirtschaften

Die Vienna Art Week macht Angst zum Thema ihrer Hauptausstellung – und fragt, wie Kunst sie sichtbar machen kann, ohne sie zum Spektakel zu vergrößern. Drei Positionen führen vom verletzlichen Körper über politische Umbrüche bis zur fragilen Hoffnung.

Angst ist ein Gefühl mit vielen Maßstäben: Sie kann den Körper einengen, Beziehungen belasten oder aus politischer Unsicherheit erwachsen. Die Vienna Art Week macht sie zum Thema ihrer 22. Ausgabe. Unter dem Motto „Navigating Angst“ versammelt das Festival vom 6. bis 13. November 2026 Ausstellungen und Veranstaltungen an verschiedenen Orten in Wien. Die Hauptausstellung, das „House of Navigating Angst“, bezieht ein ehemaliges Zinshaus am Gürtel im 15. Bezirk. Auf vier Ebenen sind 30 künstlerische Positionen angekündigt.

Die Frage ist nicht nur, wie Angst dargestellt werden kann. Sie lautet auch, was eine Ausstellung mit ihr macht: Schärft sie den Blick auf konkrete Bedingungen – oder verwandelt sie Verunsicherung in eine publikumswirksame Stimmung? Einige der angekündigten Arbeiten setzen dafür nicht auf Schockbilder, sondern auf Material, Körper und die Widersprüche alltäglicher Erfahrung.

Der Körper als umkämpfter Ort

Paulina Emilia Aumayr geht von kleinen Abdrücken ihres eigenen Körpers aus. Wie die österreichische „Presse“ vorab berichtet, gießt sie Abdrücke ihres Bauchnabels und schließt darin Gemälde von Hunden in Kunstharz ein. Die Tiere heben auf den Bildern die Beine, als markierten sie ein Gebiet. Aumayr verbindet dieses Motiv mit der Angst, dass Frauen über den eigenen Körper nicht selbstverständlich verfügen können. Die Arbeit illustriert keine einzelne Gewaltszene; sie richtet den Blick auf Bedingungen, die Bedrohung ermöglichen. Das verschiebt den Akzent vom Schrecken als Bild zur Frage nach Macht und Besitz.

Auch Sophie Hirsch arbeitet mit einer körperlichen Irritation. Sie gießt Silikon auf Gips, bearbeitet das Material und umhüllt es mit gefärbtem Stoff. Die weichen, teils fleischig wirkenden Formen treffen laut Vorbericht auf Ketten oder Metallstangen. Weichheit und Härte, Halt und Instabilität bleiben zugleich präsent. Angst erscheint so nicht als eindeutige Botschaft, sondern als Spannung, die sich im Körper festsetzt und zugleich Bewegung auslösen kann.

Vom privaten Gefühl zur politischen Lage

Dass Angst nicht im Privaten bleibt, zeigt sich auch im Programm außerhalb der Hauptausstellung. Im WUK führt eine kuratorische Veranstaltung durch „Off the Precipice“, eine Gruppenausstellung von elf Künstlerinnen und Künstlern über politische und gesellschaftliche Umbrüche. Anschließend ist eine Performance von Holden Madagame angekündigt, die Bewegung, Trommeln und Gesang mit indigenem Wissen und der Verbindung zu Vorfahrinnen und Vorfahren verbindet. Das WUK beschreibt die Performance als ritualbasiert; eine ausführliche Deutung lässt sich vor der Aufführung nicht vorwegnehmen.

Der Kontrast zu Hirschs Materialarbeit ist aufschlussreich: Dort wird Angst über eine körperliche Oberfläche erfahrbar, hier steht die Frage nach kollektivem Leben in Zeiten des Umbruchs im Raum. Beides kann nebeneinander bestehen, ohne dass das eine das andere erklärt. Gerade darin liegt eine Herausforderung für das Ausstellungsthema: Politische Bedrohung darf nicht zur bloßen Kulisse für persönliche Gefühle werden; persönliche Erfahrung sollte umgekehrt nicht als allgemeingültige Formel auftreten.

Nicht jede Angst braucht einen Höhepunkt

Eine weitere Gegenbewegung setzt Leslie de Melo. Seine im WUK angekündigte Zeichenserie arbeitet mit Graphit auf Papier und nimmt Hoffnung als Gegenpol zur Angst in den Blick. Das ist mehr als ein beruhigender Schlussakkord. Es erweitert die Frage: nicht nur, wovor Menschen sich fürchten, sondern wie sie trotz Unsicherheit weiter handeln und miteinander verbunden bleiben können.

Die Kuratoren Robert Punkenhofer und Anne Zühlke versammeln im „House of Navigating Angst“ unterschiedliche künstlerische Antworten auf dieses Feld. Ob die Ausstellung ihre Vielfalt zusammenhalten kann, wird sich erst vor Ort zeigen. Als Leitgedanke ist „Navigating“ – sich hindurchbewegen – jedenfalls präziser als ein Versprechen, Angst aufzulösen. Kunst kann sie sichtbar und besprechbar machen. Ihre Aufgabe ist nicht, sie für den nächsten dramatischen Effekt zu bewirtschaften, sondern den Blick auf ihre Ursachen und auf mögliche Handlungsspielräume offen zu halten.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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