Was heißt es, für eine Zukunft verantwortlich zu sein, die niemand von uns erleben wird? Die Frage klingt abstrakt, bis sie auf ein Bedienpult trifft: Reihen von Knöpfen, Schaltern, Anzeigen – gebaut, damit Menschen eine gewaltige technische Anlage kontrollieren. In Emilija Škarnulytės Film aus dem stillgelegten Kernkraftwerk Ignalina in Litauen gleitet eine Python über dieses Pult. Die Szene, wie das Kunstmuseum St. Gallen sie beschreibt, stellt zwei Arten von Zeit nebeneinander: die Lebensdauer technischer Systeme und die unbeirrbare Gegenwart nichtmenschlichen Lebens.
„Arrow of Time“ in der Lokremise verbindet Film, Licht und skulpturale Interventionen. Eine eigene Beschreibung des Raumerlebnisses wäre ohne Besuch unredlich. Doch schon der dokumentierte Ausgangspunkt legt eine produktive Spannung frei: Kunst kann lange Zeiträume nicht abbilden, als wären sie Landschaften, die sich von außen überblicken ließen. Sie kann aber die Maßstäbe verschieben, in denen wir über Gegenwart und Verantwortung nachdenken.
Das Kontrollpult und die Schlange
Ignalina war kein beliebiges Motiv. Das litauische Kraftwerk gilt dem Museum als „Schwesterkraftwerk“ von Tschernobyl; Škarnulytė filmte dort in einem verlassenen Kontrollraum. Die Python auf den Schaltern ist kein Beweis dafür, dass Natur die Technik einfach zurückerobert. Sie ist ein Bild, das diese beruhigende Erzählung gerade stört. Das Pult bleibt lesbar als Instrument menschlicher Planung; die Schlange bewegt sich darin, ohne den alten Zweck zu erfüllen. Was einst auf Bedienbarkeit und Kontrolle zielte, erscheint nun als verlassene Infrastruktur – mit einer Geschichte, die nicht verschwindet, wenn der Betrieb endet.
Škarnulytės Arbeiten bewegen sich, so beschreibt es auch das Museum, zwischen Dokumentation und spekulativer Fiktion. Darin liegt eine Stärke: Ein realer Ort muss nicht bloß Beleg für eine These sein. Der Film kann ihn zugleich als Schauplatz einer möglichen Zukunft öffnen. Das ist keine Vorhersage und keine naturwissenschaftliche Erklärung. Es ist eine Verschiebung der Perspektive: Der Mensch, der im Kontrollraum einst alles zu steuern meinte, wird selbst zum vorübergehenden Teil einer längeren Erdgeschichte.
Was Kunst kann – und was nicht
Die lange Dauer ist jedoch nicht nur eine poetische Idee. Sie stellt eine konkrete politische und technische Aufgabe. Die Internationale Atomenergie-Organisation hält fest, dass Menschen künftiger Generationen Verantwortung für die Verwaltung von Entsorgungsanlagen übernehmen können. Das schwedische Unternehmen SKB beschreibt Sicherheitsanalysen für ein Endlager, die Zeiträume bis zu einer Million Jahre betrachten. Solche Angaben sind keine Garantie für eine sorgenfreie Zukunft; sie zeigen, wie weit die Planung reichen muss und wie sehr sie von Institutionen, Wissen und verlässlichen Verfahren abhängt.
Hier liegt auch ein Einwand gegen die Verführungskraft des planetarischen Blicks: Wer den Menschen als winzigen Moment kosmischer Zeit zeigt, kann leicht die Verantwortlichen aus dem Bild rücken. Aber radioaktive Hinterlassenschaften sind keine bloße Metapher für „den Menschen“ im Allgemeinen. Sie sind Ergebnis konkreter Entscheidungen, und ihre Sicherung verlangt Fachwissen, Finanzierung und dauerhaftes Handeln. Ein Film kann das nicht ersetzen. Er kann auch keine Antwort auf technische Detailfragen geben.
Gerade deshalb sollte Škarnulytës Bild nicht als Lösung gelesen werden. Seine Leistung liegt eher darin, dass es die bequeme Trennung zwischen vergangener Technik und ferner Zukunft unterläuft. Die Schlange macht den Kontrollraum nicht harmlos; sie verwandelt ihn in einen Ort, an dem Abwesenheit sichtbar wird. Was geschieht, wenn die Menschen, die Anlagen planen und überwachen, längst gegangen sind? Und welche Formen von Verantwortung lassen sich überhaupt weitergeben?
Gegenwart als Erbe
„Tiefenzeit“ – der Begriff für Zeiträume, die weit über menschliche Lebensläufe hinausreichen – hilft, diese Fragen zu stellen. Er darf aber nicht zur Ausrede werden, als sei alles menschliche Handeln angesichts geologischer und kosmischer Dimensionen bedeutungslos. Umgekehrt wäre es ebenso bequem, anzunehmen, eine kluge Warnung könne die Zukunft schon sichern. Zwischen diesen beiden Verkürzungen arbeitet Škarnulytës Ausstellung: Sie bindet technische Gegenwart an planetarische Maßstäbe, ohne daraus eine eindeutige Zukunftserzählung zu machen.
Das ist eine begrenzte, aber wichtige Aufgabe von Kunst. Sie kann eine Zeit sichtbar machen, die sich nicht unmittelbar erfahren lässt; sie kann Verantwortung emotional und gedanklich ins Verhältnis setzen. Für die tatsächliche Langzeitverantwortung braucht es mehr als Bilder. Doch ohne Bilder bleibt die Zukunft womöglich eine Zahl in einem Bericht – und das Kontrollpult nur ein verlassenes Möbelstück. Bis zum 8. November 2026 zeigt „Arrow of Time“ in der Lokremise, wie beunruhigend weit Gegenwart reichen kann.
Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

