Eine Gerichtsverhandlung gehört zu den Orten, an denen Sprache nicht nur beschreibt, sondern Folgen haben kann: Aussagen werden protokolliert, Zuständigkeiten festgelegt, Verantwortung geprüft. In Gabriela Löffels neuer Videoarbeit „for the record“ wird ein solcher Prozess inszeniert – gegen eine Schweizer Bank, die es nicht gibt. Der Fall ist erfunden; die wirtschaftlichen und politischen Fragen, die er aufruft, sind es nicht.
Die Arbeit steht im Zentrum von Löffels Ausstellung „Grammatik der Lücken“, die am 15. November 2026 in der Kunsthalle Appenzell beginnt. Sie führt die Künstlerin in ein Feld, das ihre audiovisuelle Praxis seit Jahren prägt: Wie wird Macht durch Bilder, Räume, Sprache und technische Systeme vermittelt? Und was lässt sich erkennen, wenn eine künstlerische Arbeit nicht vorgibt, eine verborgene Wahrheit einfach freizulegen, sondern die Bedingungen des Erzählens selbst untersucht?
Ein Prozess als künstlerisches Verfahren
Für „for the record“ hat Löffel nach Angaben der Ausstellung mit Journalistinnen, Juristinnen, Universitäten und Studierenden im Libanon zusammengearbeitet. Ausgangspunkt sind Recherchen zum Zusammenbruch des libanesischen Bankensystems und mögliche Verbindungen zum Schweizer Finanzplatz. Die Videoarbeit greift dabei auch den Fall des ehemaligen libanesischen Zentralbankchefs Riad Salamé auf. In Beirut wurde mit Jurastudierenden ein fiktiver Rechtsfall als Probeverhandlung inszeniert und gefilmt. Im Zentrum steht die erfundene Swiss Trust Bank und die Frage nach einer möglichen Mitverantwortung am Kollaps des Bankensystems.
Diese Konstruktion ist nicht mit einem realen Gerichtsverfahren zu verwechseln. Sie ist auch kein Beleg für ein tatsächliches Fehlverhalten einer realen Schweizer Bank. Die Fiktion schafft vielmehr eine Versuchsanordnung: Sie kann Beziehungen, Rollen und institutionelle Abläufe in eine konkrete Form bringen, ohne selbst über Schuld oder Haftung zu entscheiden. Gerade darin liegt die produktive Spannung – und die Grenze – des künstlerischen Verfahrens. Ein Prozess im Video kann Fragen zuspitzen und Perspektiven ordnen; juristische Beweisführung folgt anderen Regeln und verlangt überprüfbare Belege.
Was sichtbar wird – und was offenbleibt
Die Ausstellung setzt Löffels neue Arbeit in Beziehung zu früheren Werken aus rund zwei Jahrzehnten. „Setting“ (2011) beschäftigt sich mit der Inszenierung von Krieg und seiner audiovisuellen Vermittlung. Die siebenteilige fotografische Arbeit „Unseen“ (2016) richtet den Blick auf Messestände und die Ordnung von Sichtbarkeit im Umfeld der globalen Finanzwelt. In „Grammar of Calculated Ambiguity“ (2023–2024) rekonstruieren Fachleute schwer verständliche Passagen aus einer Tonaufnahme einer Offshore-Finanzkonferenz. Die Arbeiten untersuchen damit nicht allein, was gesagt oder gezeigt wird, sondern auch, wer sprechen kann, was hörbar bleibt und welche Räume Aussagen formen.
Löffels Verfahren lässt sich als Arbeit an den Zwischenräumen verstehen: zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen einer Stimme und ihrer Übersetzung, zwischen dem, was ein Bild zeigt, und dem, was außerhalb des Bildes liegt. Der Ausstellungstitel „Grammatik der Lücken“ passt zu diesem Interesse. Lücken sind hier nicht bloß fehlende Informationen, die sich durch eine eindeutige Erklärung schließen ließen. Sie können auf Grenzen der Wahrnehmung und auf Machtverhältnisse verweisen: auf das, was in einem System sichtbar gemacht wird – und auf das, was seine Darstellung ausspart.
Fiktion ist keine Entlastung
Bei einem Thema wie Finanzmacht birgt die Inszenierung eine doppelte Gefahr. Sie könnte einen komplexen Sachverhalt in eine verständliche, aber irreführend geschlossene Geschichte verwandeln. Oder sie könnte durch den deutlichen Verweis auf Fiktion jede Verantwortung für die verwendeten Bezüge abstreifen. Interessant wird das Verfahren dort, wo es diese Spannung nicht verdeckt: Die erfundene Bank macht den Fall verhandelbar, doch sie ersetzt weder Recherche noch juristische Prüfung.
Die Kunsthalle beschreibt Löffels Arbeiten als Untersuchungen dazu, wie Wirklichkeiten inszeniert und aus verschiedenen Perspektiven lesbar werden. Das ist ein Anspruch auf Wahrnehmung, nicht auf ein Urteil. Was die neue Installation aus den Räumen, Stimmen und Aufzeichnungen des gedrehten Prozesses macht, wird sich erst in Appenzell zeigen. Die Ausstellung lädt damit zu einer Frage ein, die über den Einzelfall hinausreicht: Wie lassen sich politische und wirtschaftliche Zusammenhänge darstellen, ohne die Darstellung mit einem Beweis zu verwechseln?
Redaktionell geprüft · 3. November 2026


