FILM

Welche Wirklichkeit soll ein Filmfestival verteidigen?

Das Film Festival Cologne stellt 2026 „Real Life“ ins Zentrum – und verhandelt zugleich, wie KI die Filmbranche verändert. Doch woran lässt sich im Programm ablesen, welche Wirklichkeit das Festival verteidigt?

Ein Festival kann die Zukunft der Bilder nicht allein dadurch beantworten, dass es künstliche Intelligenz zum Thema erklärt. Es muss zeigen, was daraus für Auswahl, Kontext und Gespräch folgt: Welche Filme gelangen auf die Leinwand, was erfahren Zuschauerinnen und Zuschauer über ihre Herstellung – und wer darf nach der Vorführung darüber sprechen?

Beim Film Festival Cologne, das vom 29. Oktober bis zum 5. November läuft, lautet das Motto „Real Life“. Die KI-Frage ist damit verbunden, aber nicht deckungsgleich: Das Festival bewirbt keine eigene KI-Sektion als Zentrum der Ausgabe. Der WDR beschreibt sie vielmehr als Teil der Auseinandersetzung über die Zukunft der Filmbranche, deren Produktionsmodelle künstliche Intelligenz infrage stelle. Diese Unterscheidung ist wichtig. Ein Motto formuliert eine Perspektive; eine Auswahlregel oder Kennzeichnungspraxis wäre eine konkrete kuratorische Entscheidung.

„Real Life“ ist mehr als ein Gegenbegriff

Das Programm umfasst nach Angaben des WDR 65 internationale Filme, Serien und TV-Produktionen. Darunter sind Dokumentarfilme, die über lange Zeiträume entstandenes Material nutzen. „Little Sinner“ etwa baut auf privaten Aufnahmen aus zwanzig Jahren auf und erzählt von der Filmemacherin und Journalistin Daro Hansen zwischen Syrien und Dänemark. Solche Filme verweisen auf eine Form filmischer Wirklichkeit, die nicht einfach mit unbearbeiteten Bildern gleichzusetzen ist: Sie entsteht auch durch Auswahl, Montage und die Entscheidung, welche Zeitspuren sichtbar werden.

Gerade deshalb ist „Real Life“ kein schlichter Gegenpol zu KI-Bildern. Auch ein dokumentarischer Film ordnet Material; ein fiktionaler Film kann soziale oder historische Wirklichkeiten präzise befragen. Die relevante Grenze verläuft nicht einfach zwischen „echt“ und „gemacht“. Sie betrifft ebenso Herkunft, Bearbeitung und Transparenz: Wer hat ein Bild erzeugt oder verändert, und was muss das Publikum wissen, um es einordnen zu können?

Was sich im Programm belegen lässt

Die öffentlich zugänglichen Festivalangaben machen die Programmauswahl in vielen Fällen konkret: Sie nennen Titel, Filmschaffende, Laufzeiten, Länder und Reihen. Der WDR hebt neben Langzeitdokumentationen auch Spielfilme hervor, die persönliche Geschichten mit historischen Ereignissen verbinden. Zugleich beschreibt der Sender Gespräche nach Vorführungen, darunter ein Q&A mit dem Filmemacher Bertrand Mandico nach „Roma Elastica“.

Das sind sichtbare Formen der Vermittlung: Filme werden in Reihen gestellt, und Gespräche können Produktionsentscheidungen oder Erzählweisen zur Diskussion öffnen. Doch aus den veröffentlichten Angaben geht nicht hervor, ob der Einsatz generativer KI bei Einreichungen systematisch abgefragt oder im Programm gekennzeichnet wird. Auch lässt sich nicht belegen, dass ein bestimmtes Publikumsgespräch eigens die KI-Nutzung eines Films behandelt. Diese Lücke ist kein Beweis dafür, dass es intern keine Regeln oder Gespräche gibt. Sie markiert lediglich, was sich von außen überprüfen lässt.

Die Entscheidung liegt auch im Kleingedruckten

Für ein Festival, das Wirklichkeit zum Thema macht, wäre Transparenz selbst eine kuratorische Praxis: nicht als pauschales Verbot und nicht als Gütesiegel, sondern als nachvollziehbare Information über die Entstehung eines Films. Das könnte dem Publikum helfen, unterschiedliche Verfahren zu beurteilen, ohne die ästhetische Frage vorwegzunehmen. Denn KI ist weder ein einheitliches Werkzeug noch eine fertige Antwort auf die Frage, was Kino sein soll.

Das Film Festival Cologne setzt mit „Real Life“ einen Rahmen, in dem diese Frage lesbar wird. Seine praktische Antwort ist bislang vor allem im Programm und in den angekündigten Gesprächen zu suchen; eine öffentlich belegte KI-Kennzeichnung oder spezifische Auswahlregel ist dort nicht erkennbar. So bleibt die entscheidende Frage offen – und zugleich präziser gefasst: Nicht, ob das Kino Wirklichkeit gegen künstliche Bilder verteidigen muss, sondern welche Verfahren es sichtbar macht und welche Verantwortung es dem Publikum gegenüber übernimmt.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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