LITERATUR · PORTRÄT

Sonja Sophie Kreis: Sichtbar wird eine lange Arbeit

Mit „Das große Eis“ steht Sonja Sophie Kreis auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. Ihr erster Roman trifft auf neue Aufmerksamkeit – doch ihre Arbeit zwischen Bild und Sprache hat eine längere Geschichte.

Ein erster Roman ist nicht unbedingt ein literarischer Anfang. Bei Sonja Sophie Kreis bezeichnet das Debüt eine neue Form innerhalb einer längst begonnenen Arbeit: Die 1963 am Bodensee geborene Autorin ist bildende Künstlerin, unterrichtet Kunst und Kunstgeschichte und hat bereits Erzählungen veröffentlicht. Nun steht „Das große Eis“ auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. Das Wort Entdeckung beschreibt hier vor allem einen Wechsel der öffentlichen Wahrnehmung.

Am 15. November 2026 wird die Auszeichnung um 11 Uhr im Theater Basel vergeben. Bis dahin erscheint Kreis in einem Zusammenhang, der ihr Buch neben die Romane von Lukas Bärfuss, Hayat Erdoğan, Yael Inokai und Sarah Elena Müller stellt. Die Nominierung macht aus unterschiedlichen literarischen Laufbahnen für einige Wochen eine gemeinsame Geschichte. Bei Kreis sollte darüber die Vorgeschichte nicht verschwinden.

Zwischen Bild und Erzählung

Kreis lebt in Zürich. Ihre künstlerische Arbeit führte sie unter anderem nach Venedig, ins isländische Skagaströnd und nach Ilulissat in Grönland. Auf ihrer Website bezeichnet sie „Das große Eis“ als autobiografisch inspiriert. Das ist ein Hinweis auf den Ausgangspunkt, keine Erlaubnis, Figuren und Autorin gleichzusetzen.

Schon bei „Kein Schnee in Venedig“, im April 2019 bei pudelundpinscher erschienen, begegneten sich die Arbeitsfelder. Die Erzählung enthält Abbildungen; den Umschlag gestaltete Kreis selbst. Der Verlag dokumentiert wiederholte Venedigaufenthalte und die Arbeit an dem Text seit 2013. Schreiben erscheint in diesem Werdegang nicht als plötzliche Abkehr von der bildenden Kunst, sondern als ein weiteres Verfahren, Wahrnehmung zu gestalten.

Im neuen Roman steht wiederum ein Bild am Beginn einer Reise. Anna will ihrem Bruder Alex nach dem Tod der Eltern ein Gemälde aus dem Familienhaus bringen. Er lebt in Grönland; seit vierzig Jahren haben die Geschwister einander nicht gesehen. Während Anna auf ihn wartet, führt die Erinnerung zurück an den Bodensee und zu einer deutschen Mutter, die in den fünfziger Jahren in die Schweiz heiratete und dort auf Ablehnung stieß.

Die Anlage verbindet räumliche Entfernung mit familiärer Fremdheit. Grönland und das deutsch-schweizerische Grenzland bilden zwei Schauplätze, zwischen denen Erinnerung vermittelt. Die Buchpreisjury hebt besonders die Bildkraft und Genauigkeit der Sprache hervor. Bemerkenswert an ihrer Begründung ist, dass sie die Familiengeschichte nicht von der Zeitgeschichte trennt: Auch ein scheinbar vom Krieg verschontes Leben trägt dessen Folgen weiter.

Aufmerksamkeit bekommt konkrete Formen

„Das große Eis“ erschien am 14. August bei Rowohlt Berlin und umfasst 256 Seiten. Inzwischen trägt die Verlagsseite den Nominierungshinweis unmittelbar unter dem Titel. Hinzu kommen Veranstaltungen: Eine Lesung in Köln wurde ausdrücklich als Nominiertenlesung angekündigt; der Preisveranstalter kündigte für die Finalisten eine Tour mit neun Stationen in Deutschland und der Schweiz an.

Auch im Buchhandel lässt sich die zusätzliche Präsentation benennen. Orell Füssli bündelt die fünf Bücher auf einer Preiswebsite und verlinkt digitale Gespräche mit Moderator Nino Gadient, darunter eines mit Kreis. Das Unternehmen ist zugleich Goldsponsor des Preises. Bei Lüthy führt buchhaus.ch ebenfalls eine eigene Seite zur Shortlist. Das sind konkrete Zugänge zum Debüt: gemeinsame Präsentation, Gesprächsangebot, Veranstaltungsanlass.

Aus diesen Angeboten lässt sich allerdings kein Verkaufserfolg ableiten. Sie zeigen, wo das Buch hervorgehoben wird, nicht, wie viele zusätzliche Menschen es kaufen oder lesen. Gerade vor der Entscheidung lohnt diese Unterscheidung. Die Nominierung eröffnet Kreis weitere Räume für ihre Literatur; sie erklärt nicht rückwirkend deren Entstehung. Sichtbar wird eine Autorin, deren Arbeit lange vor dem Wettbewerb begonnen hat.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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