Ein Gerichtssaal, eine Bank, ein Fall – und doch kein Prozess, der tatsächlich stattgefunden hätte. Für „for the record“ entwickelt Gabriela Löffel mit juristischen Fachleuten, Journalistinnen und Journalisten sowie Studierenden einen fiktiven Rechtsstreit. Angeklagt ist eine erfundene Schweizer Bank, die Swiss Trust Bank; der Fall wird in Beirut mit Jurastudierenden als Probeprozess inszeniert und gefilmt. Die Videoarbeit gehört zu Löffels Ausstellung „Grammatik der Lücken“, die am 15. November in der Kunsthalle Appenzell beginnt.
Der Stoff berührt reale politische und wirtschaftliche Zusammenhänge: den Zusammenbruch des libanesischen Bankensystems und mögliche Verbindungen zum Schweizer Finanzplatz. Als Ausgangspunkte nennt die Ausstellung Recherchen zum Fall des früheren libanesischen Zentralbankchefs Riad Salamé. Die künstlerische Konstruktion ist jedoch kein Urteil über ihn oder andere reale Beteiligte. Ihr erfundener Prozess fragt vielmehr, wie sich Verantwortung über Grenzen hinweg überhaupt verhandeln lässt – und was geschieht, wenn komplexe Finanzstrukturen in die klare Form eines Gerichtsverfahrens übersetzt werden.
Ein Verfahren als künstlerisches Werkzeug
Löffel arbeitet mit einer Form, die dokumentarische Recherche und Inszenierung nicht zu einer scheinbar eindeutigen Wahrheit verschmilzt. Für „for the record“ verarbeitet sie nach Angaben der Kunsthalle Archivmaterial und journalistische Untersuchungen. Die fiktive Bank macht daraus einen Fall, der sich vorführen und diskutieren lässt, ohne vorzugeben, eine reale Gerichtsakte zu sein. Auch der Drehort bleibt Teil der Konstruktion: Das Forest Studio Beirut wird als Filmstudio sichtbar – als Ort, an dem ein Prozess gebaut wird, so wie Finanzsysteme auf wenig sichtbaren Infrastrukturen beruhen.
Die Mehrkanal-Videoarbeit gehört zu den neueren Arbeiten der Künstlerin. Schon der Titel spielt auf das Protokollieren an: „for the record“ kann eine Aussage für die Akten bedeuten, aber auch den Anspruch, etwas festzuhalten. Löffel verschiebt diesen Anspruch. Wenn ein Verfahren erfunden ist, wird nicht jeder Satz zum Beleg; zugleich kann die Fiktion sichtbar machen, welche Fragen die übliche Sprache von Akten, Zuständigkeiten und Beweisen offenlässt. Darin liegt die Spannung der Arbeit: Sie muss die Grenze zwischen dokumentiertem Material und künstlerischer Setzung kenntlich halten, wenn ihre Konstruktion nicht selbst als Tatsachenbehauptung missverstanden werden soll.
Wer spricht – und was bleibt hörbar?
Diese Frage zieht sich durch Löffels audiovisuelle Arbeiten. Die 1972 geborene, in Genf lebende Künstlerin recherchiert an Orten, an denen Macht organisiert und vermittelt wird: etwa auf militärischen Trainingsgeländen, Finanzkongressen oder in Filmstudios. In „Setting“ (2011) geht es um die Inszenierung von Krieg und seine mediale Vermittlung, ausgehend von Berichten ehemaliger Statistinnen und Statisten eines US-amerikanischen Trainingsgeländes. „Unseen“ (2016) richtet den Blick auf die Architektur von Messeständen beim Finanzkongress Sibos in Genf und darauf, wie Sichtbarkeit dort gelenkt wird.
In „Grammar of Calculated Ambiguity“ (2024) rekonstruieren Fachleute aus Politik, Recht, Journalismus und Linguistik unverständliche Passagen einer Tonaufnahme von einer Offshore-Finanzkonferenz – in einem Tonstudio. Schon diese Beschreibung macht deutlich, wie zentral bei Löffel nicht nur das Bild, sondern auch die Stimme ist: Wer darf sprechen, wer wird verstanden, und welche Rolle spielen Übersetzung, Pausen und Störungen? Die Kunsthalle beschreibt die Ausstellung entsprechend als Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Macht, die durch Sprache, Räume und technische Systeme wirkt.
Die Lücke zwischen Akte und Erzählung
Der deutsche Ausstellungstitel „Grammatik der Lücken“ rückt nicht eine einzelne Enthüllung ins Zentrum, sondern die Bedingungen, unter denen Zusammenhänge lesbar werden. Eine Lücke kann fehlende Information bedeuten; sie kann aber auch dort entstehen, wo unterschiedliche Institutionen, Sprachen oder Interessen aufeinandertreffen. Löffels Verfahren – Recherche, Übersetzung, Montage und Inszenierung – legt solche Übergänge offen, ohne sie automatisch aufzulösen.
Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus zwei Jahrzehnten und läuft bis zum 11. April 2027. Zu sehen sein wird auch „for the record“; ob und wie die Installation im Appenzeller Raum ihre einzelnen Stimmen, Bilder und Ebenen zueinanderstellt, lässt sich vor der Eröffnung nicht beurteilen. Interessant ist die angekündigte Arbeit schon als Versuchsanordnung: Ein erfundener Prozess soll keine reale Justiz ersetzen. Er macht vielmehr sichtbar, wie Kunst ein Verfahren nachbauen kann, um die Sprache und die Grenzen des Beweisens selbst zum Thema zu machen.
Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026


