ARCHITEKTUR & DESIGN · HINTERGRUND

Eine Stadt wird auch durch ihre Lebensmittel gebaut

Märkte, Läden, Küchen und Lieferwege sind mehr als Kulisse des Alltags: Sie ordnen Räume und prägen, wer Zugang zu frischen Lebensmitteln hat. Ein Brüsseler Projekt macht diese Infrastruktur zum Thema – und Berlin zeigt, wie umkämpft ihre Verankerung im Quartier sein kann.

Eine Stadt wird nicht allein aus Straßen, Häusern und Plätzen gemacht. Auch das, was täglich auf den Tisch kommt, hinterlässt eine räumliche Ordnung: Märkte brauchen Flächen und Anlieferung, Läden binden Erdgeschosse, Küchen und Kantinen schaffen Orte gemeinsamer Nutzung. Dazwischen verlaufen Wege, die oft weit über die Stadtgrenze hinausreichen. Wer diese Infrastruktur plant, gestaltet also nicht nur Versorgung, sondern auch Nähe, Arbeit und Begegnung.

Am 30. Oktober bringt die Konferenz „New Foodscapes“ an der Architekturfakultät La Cambre-Horta in Brüssel Fachleute aus Architektur, Stadtforschung und Landwirtschaft zusammen. Sie ist Teil von „The Belly of the City“, einem Projekt, das die übliche Trennung zwischen Ausstellung und Alltag auflöst: Arbeiten tauchen unter anderem in Geschäften, auf Märkten und in privaten Räumen auf. Bis zum 15. November richtet sich der Blick damit auf Orte, an denen Lebensmittel gehandelt, transportiert, zubereitet oder weggeworfen werden.

Versorgung ist Stadtplanung

Dass Essen eine räumliche Frage ist, zeigt schon die einfachste Bestandsaufnahme: Lebensmittel müssen gelagert und verteilt werden; sie brauchen Verkaufsorte, Zufahrten, Abfallentsorgung und Menschen, die in diesen Systemen arbeiten. Wo Versorgung konzentriert oder ausgelagert wird, verändert sich auch der Alltag im Quartier. Ein Laden im Erdgeschoss kann Wege verkürzen und eine Straße beleben. Ein großer Markt kann Waren bündeln, aber zugleich Anlieferung und Verkehr auf engem Raum organisieren müssen. Eine gemeinschaftliche Küche kann einen Treffpunkt schaffen – sofern sie tatsächlich zugänglich ist und nicht nur als gute Idee auf dem Papier existiert.

Das Brüsseler Projekt versteht diese Orte als Teil einer umfassenderen Infrastruktur. Es lenkt die Aufmerksamkeit nicht nur auf Lieferketten, sondern auch auf kulturelle Bindungen und Migration. Lebensmittelgeschäfte, Gärten, Kantinen und Straßenstände erzählen davon, wie verschiedene Gemeinschaften Stadt nutzen und verändern. Das ist ein produktiver Blickwinkel: Er macht sichtbar, dass urbane Versorgung nicht ausschließlich in großen Hallen und zentralen Verteilzentren stattfindet. Zugleich ersetzt die künstlerische Untersuchung keine Bilanz darüber, wie bezahlbar, verlässlich oder ökologisch ein konkretes Versorgungssystem ist.

Eine Berliner Halle als Prüfstein

Ein deutscher Vergleich bietet sich in Kreuzberg an. Die Markthalle IX, heute als Markthalle Neun bekannt, öffnete 1891. Sie gehörte zu einem Berliner Hallenprogramm, das die Versorgung einer rasch wachsenden Bevölkerung verbessern sollte. Die über mehrere Höfe reichende Anlage mit Sheddächern, Tageslicht und breiten Durchfahrten war kein dekorativer Marktbau: Warenverkehr, Kühlung, Wasser und Hygiene gehörten zur baulichen Aufgabe. Die Halle wurde damit zum Beispiel dafür, wie eine Stadt Versorgung in Architektur übersetzt.

Ihre Geschichte zeigt aber auch, dass eine solche Funktion nicht automatisch dauerhaft gesichert ist. Konkurrenz durch Supermärkte und Veränderungen im Quartier setzten der Halle zu; zeitweise drohte die Schließung. 2010 wurde der Verkauf an einen Interessenten mit Supermarktplänen gestoppt. Stattdessen erhielt eine Projektgruppe den Zuschlag mit einem Konzept, das kleinteiligen Handel sowie kulturelle und soziale Nutzungen vorsah. Die heutige Halle verbindet Handel, Lebensmittelproduktion und Veranstaltungen. Das ist eine konkrete Nutzungsmischung, aber kein Beleg dafür, dass alle Zielkonflikte zwischen Nahversorgung, Besucherbetrieb und wirtschaftlicher Tragfähigkeit gelöst wären.

Vom Einzelort zum Netz

Die Frage reicht über einzelne Markthallen hinaus. Berlins Ernährungsstrategie behandelt Ernährung als Querschnitt zwischen Umwelt, Sozialpolitik, Gesundheit und Stadtplanung. Zu den Handlungsfeldern zählt, lebendige und produktive Kieze zu fördern; vorgesehen ist auch Unterstützung für sogenannte LebensMittelPunkte. Das sind Ansätze, Versorgung und gemeinschaftliche Aktivitäten im Quartier enger zu verbinden. Entscheidend bleibt, ob dafür geeignete Räume verfügbar sind, wer sie betreibt und welche laufenden Kosten anfallen. Ohne diese Voraussetzungen wird aus einem sozialen Anspruch noch keine belastbare Infrastruktur.

Hier liegt die architektonische Bedeutung des Brüsseler Anlasses: Er rückt das alltägliche, oft übersehene Gefüge der Versorgung in den Maßstab der Stadt. Nicht jedes Viertel braucht eine Markthalle. Doch jedes Quartier ist davon abhängig, wie Lebensmittel hinein- und Abfälle hinausgelangen, wo Menschen einkaufen können und welche Orte sie gemeinsam nutzen. Stadtplanung, die diese Fragen erst nachträglich behandelt, überlässt wichtige Räume dem Zufall. Wer Lebensmittelversorgung mitplant, baut daher nicht nur für den nächsten Einkauf, sondern an den Bedingungen des Zusammenlebens.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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