BÜHNE · HINTERGRUND

Drei an der Spitze: Was München aus Basel übernehmen will

Anja Dirks, Antú Romero Nunes und Jörg Pohl sollen 2028/29 die Münchner Kammerspiele übernehmen. Was ihr kollegiales Modell leisten kann – und was sich von Basel nicht einfach übertragen lässt.

Ein Theater leitet sich nicht allein vom Schreibtisch aus. Auf der Probebühne wird ein Stück verhandelt, im Spielplan treffen künstlerische Handschriften aufeinander, hinter den Kulissen müssen Termine, Personal und Geld zusammenpassen. An den Münchner Kammerspielen soll ab der Spielzeit 2028/29 ein Trio diese Ebenen gemeinsam verantworten: die Dramaturgin Anja Dirks, der Regisseur Antú Romero Nunes und der Schauspieler Jörg Pohl.

Der Kulturausschuss des Münchner Stadtrats stimmte der Auswahl am 29. Oktober zu. Das ist noch nicht der abschließende Beschluss: Darüber soll die Stadtratsvollversammlung am 25. November 2026 entscheiden. Bis dahin ist das Trio designiert, nicht endgültig bestellt. Vorgesehen ist eine gemeinsame Leitung für zunächst fünf Spielzeiten; Barbara Mundel soll das Haus bis zum Ende der Spielzeit 2027/28 führen.

Drei Perspektiven, eine Leitung

Das Modell verspricht zunächst eine andere Verteilung von Blickwinkeln als die klassische Intendanz, in der eine Person die künstlerische Gesamtverantwortung bündelt. Dirks bringt dramaturgische und kuratorische Erfahrung ein, Nunes die Perspektive eines Regisseurs, Pohl die eines Schauspielers und Ensemblemitglieds. Das ist eine plausible Ergänzung der Kompetenzen – aber noch kein veröffentlichter Organisationsplan. Wer in München welche Entscheidungen vorbereitet, wer bei Konflikten vermittelt oder wer für welche betrieblichen Fragen geradesteht, ist öffentlich bislang nicht detailliert festgelegt.

Gerade darin liegt die praktische Frage kollektiver Führung. Ein Team kann Verantwortung verteilen und Entscheidungen durch mehrere Erfahrungen prüfen. Es muss aber auch klären, wie aus unterschiedlichen Einschätzungen ein Spielplan wird, wie schnell im Alltag entschieden werden kann und wer nach außen für das Ergebnis einsteht. Gleichberechtigung ist eine Vereinbarung über Macht, keine automatische Garantie für Einigkeit.

Was Basel lehrt – und was nicht

Der Münchner Vorschlag kommt nicht aus dem luftleeren Raum. Dirks, Nunes und Pohl arbeiten am Theater Basel bereits gemeinsam in der Schauspieldirektion. Ab der Spielzeit 2026/27 soll die dortige Schauspielleitung als Dreierteam fortgeführt werden; zuvor gehörte auch Dramaturgin Inga Schonlau zum Leitungsteam. Die Basler Erfahrung ist damit ein wichtiger Bezugspunkt, aber kein fertiges Organisationsmodell, das sich unverändert nach München umsetzen ließe.

Schon die Häuser unterscheiden sich. Basel ist ein Dreispartentheater; die drei leiten dort das Schauspiel innerhalb einer größeren Theaterstruktur. Die Kammerspiele sind ein städtisches Schauspielhaus mit eigener Ensemblegeschichte und eigenen politischen wie administrativen Bedingungen. Auch eine gemeinsame Leitung braucht dort klare Schnittstellen zu Verwaltung, Technik und Stadt. Die Basler Praxis kann Erfahrungen liefern; sie beantwortet nicht automatisch, wie Münchner Zuständigkeiten aussehen werden.

Die Kunst der Entscheidung

Die drei Profile verweisen auf eine mögliche Stärke des Teams: Regie, Dramaturgie und Schauspiel begegnen sich nicht erst in einer einzelnen Produktion, sondern bereits bei der Frage, welches Theater das Haus sein soll. Ein Spielplan kann so stärker aus der Auseinandersetzung mit Ensemble und Stoffen entstehen. Doch welche Themen, Ästhetiken oder Arbeitsweisen das Trio tatsächlich setzen wird, lässt sich vor dem Amtsantritt nicht seriös vorwegnehmen.

Auch die Kammerspiele kommen nicht als unbeschriebenes Blatt in diesen Wechsel. Das Haus verbindet eine lange Ensembletradition mit dem Anspruch, künstlerische Formen und gesellschaftliche Perspektiven zu verschieben. Die künftige Leitung hat angekündigt, diese Tradition inklusiv und mit internationalen Blickrichtungen weiterzuentwickeln. Das ist eine programmatische Absicht, noch kein Nachweis dafür, wie sie sich in Probenplänen, Besetzungen oder Zugängen zum Haus niederschlägt.

Die entscheidende Probe des Dreiermodells wird deshalb weniger sein, ob drei Namen auf einem Leitungsschild stehen. Entscheidend ist, ob gemeinsame Verantwortung im Theateralltag sichtbar wird: in nachvollziehbaren Zuständigkeiten, in einer produktiven Zusammenarbeit mit dem Ensemble und in Entscheidungen, die nicht im Kreis stecken bleiben. München übernimmt aus Basel zunächst vor allem eine Erfahrung – dass Schauspiel von unterschiedlichen beruflichen Positionen aus gemeinsam geführt werden kann. Wie daraus eine eigene Münchner Praxis wird, ist noch offen.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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