ARCHITEKTUR & DESIGN · HINTERGRUND

Nach dem Gottesdienst: Wer trägt die offene Kirche?

Dreißig Architektur-Absolventinnen und -Absolventen entwerfen neue Nutzungen für fünf Kirchen im Ruhrgebiet. Doch Bochums Christ-König-Kirche zeigt: Ein überzeugendes Raumkonzept beantwortet noch nicht, wer Umbau und Betrieb bezahlt – und wer die Türen offen hält.

Kirchenschließungen sind nicht nur eine Frage der Religion. Mit ihnen geraten große, oft zentral gelegene Gebäude aus der alltäglichen Nutzung – Räume, deren Maßstab und Bauweise sich nicht ohne Weiteres in Wohnungen oder Büros übersetzen lassen. Dreißig Absolventinnen und Absolventen der TU Dortmund entwerfen für fünf Kirchen in Bochum, Wattenscheid und Essen neue Nutzungen. Ihre Ausstellung „Kirche weiterbauen – Kulturhaus Ruhr“ eröffnet am 3. November 2026 in der Christ-König-Kirche in Bochum; zu sehen ist sie vom 7. November bis 13. Dezember.

Die Arbeiten schlagen unter anderem Ateliers, Bewegungsräume, Bühnen und Bibliotheken vor. Sie setzen an Raumproportionen, Licht, Material und Geschichte der Gebäude an. Doch der Entwurf ist nur der erste Schritt. Ob aus einer Kirche ein gemeinschaftlicher Kulturort wird, entscheidet sich auch an Eigentum, Investitionsgeld, laufenden Kosten, Personal und Öffnungszeiten. Das Bochumer Beispiel macht diese zweite, weniger sichtbare Architektur besonders deutlich.

Vom Sakralraum zum öffentlichen Raum

Die 1932 erbaute Christ-König-Kirche liegt in der südlichen Innenstadt. Im Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 wurde sie zur Kunstkirche des Bistums Essen; laut Kulturbericht der Stadt folgten in rund zehn Jahren etwa 40 Kunstprojekte. Im Sommer 2019 wurde der Betrieb eingestellt. Der Raum hatte also bereits eine kulturelle Zweitnutzung – aber keine dauerhaft gesicherte Zukunft.

Diese Unterscheidung ist wichtig: Eine Kirche kann für eine Ausstellung geöffnet werden, ohne dass damit ein belastbares Kulturhaus entsteht. Ein Kulturort braucht nicht nur eine Nutzungsidee, sondern auch eine Organisation, die Programm, Schlüssel, Sicherheit, Reinigung und technische Abläufe übernimmt. Hinzu kommen bauliche Anforderungen, die je nach Nutzung variieren: Eine Bibliothek, ein Probenraum und ein Veranstaltungsort verlangen unterschiedliche Zugänge und Infrastruktur.

Der Entwurf trifft auf die Rechnung

Wie groß die Lücke zwischen Konzept und Umsetzung sein kann, zeigte das Vorhaben „Puck – Puppenspiel in Christ-König“. Eine von der Stadt Bochum 2026 im Ausschuss behandelte Verwaltungsvorlage beziffert die geschätzten Umbaukosten für das geplante Figurentheater-Produktionshaus auf 56,5 Millionen Euro. Die Verwaltung hielt die Umsetzung in der vorliegenden Form für nicht finanzierbar und prüfte, ob andere Immobilien eine günstigere Lösung ermöglichen könnten. Der hohe Betrag macht aus dem Gebäude kein endgültiges Nein – aber er verschiebt die Frage vom architektonischen Potenzial zur öffentlichen Priorität.

Denn Baukosten sind erst der Anfang. Auch ein umgebauter Raum muss geheizt, instand gehalten und betrieben werden. Wer trägt diese Aufgaben: die Eigentümerin, die Kommune, ein gemeinnütziger Träger oder ein Zusammenschluss? Und wie werden Eintritt, Vermietung und kostenfreie Nutzung austariert? Ohne klare Antworten kann eine baulich offene Kirche im Alltag trotzdem verschlossen bleiben.

Gemeinschaft braucht Regeln und Verantwortung

Bochum kennt unterschiedliche Modelle. Die Friedenskirche wurde mit der Evangelischen Gemeinde und dem Verein IFAK zu „Q1 – Eins im Quartier“ entwickelt: Das Stadtteilzentrum verbindet Kultur, Religion und Soziales und nutzt große Teile des Gebäudes. Die Christuskirche wiederum arbeitet als „Kirche der Kulturen“ mit Veranstaltungen und kirchlicher Infrastruktur. Das sind keine einfachen Blaupausen für Christ König; sie zeigen aber, dass kulturelle Nutzung tragfähiger wird, wenn Trägerschaft und Aufgaben nicht abstrakt bleiben.

Für die Studierendenentwürfe ist die entscheidende Anschlussfrage deshalb nicht, ob eine Kirche Bühne, Atelier oder Bibliothek werden kann. Sie lautet, wer die Nutzung dauerhaft organisiert und wer Zugang erhält. Ein gemeinschaftlicher Ort braucht verlässliche Öffnungszeiten, erreichbare Ansprechpartner, ein Programm, das unterschiedliche Gruppen anspricht, und Regeln, die nicht allein zahlungskräftige Mieter bevorzugen. Auch Barrierefreiheit und die Bewahrung der vorhandenen Bausubstanz gehören in diese Rechnung.

„Kirche weiterbauen“ versteht Umbau als Weiterentwicklung statt als bloße Umwidmung. Das ist ein überzeugender architektonischer Ansatz: Bestehendes bleibt Ressource, nicht Hindernis. Doch soziale Offenheit entsteht nicht automatisch aus großzügigem Raum. Sie muss finanziert, betreut und institutionell abgesichert werden. Die Ausstellung kann Möglichkeiten sichtbar machen; ob daraus ein Kulturhaus wird, entscheidet sich an den Menschen und Trägern, die nach dem Entwurf Verantwortung übernehmen.

Redaktionell geprüft · 1. November 2026

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