Schwarze und weiße Kreide auf blauem Papier, knapp 37 Zentimeter hoch: Élisabeth Vigée Le Bruns „Eine junge Frau zeichnet das Porträt eines Mädchens“, entstanden um 1790–1795, gehört zu den angekündigten Arbeiten von „HER STORY“. Schon das Motiv setzt einen Akzent: Eine Frau stellt dar, statt nur dargestellt zu werden.
Vom 30. Oktober 2026 bis 14. Februar 2027 widmet sich die Wiener Albertina unter dem Untertitel „Künstlerinnen der ALBERTINA“ ihren Beständen. Die Vorschau verspricht eine epochenübergreifende Untersuchung. Interessant wird dabei nicht allein, welche Namen sichtbar werden, sondern welche Entscheidungen hinter dieser Sichtbarkeit stehen.
Vorhanden ist nicht gleich präsent
Die Ausstellung geht nach Angaben des Hauses auf ein von Direktor Ralph Gleis angestoßenes Forschungsprojekt zurück. Bereits Herzog Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Marie Christine von Habsburg-Lothringen sammelten Arbeiten von Frauen. Die Geschichte beginnt also nicht erst mit einer heutigen Korrektur. Sie verlangt auch die Frage, was mit längst vorhandenen Blättern geschah.
Der begleitende Hirmer-Band kündigt Texte über rund 140 Frauen an und benennt eine wichtige Asymmetrie: Erst im zeitgenössischen Bereich sei beim Erwerb ein Schwerpunkt auf Künstlerinnen gelegt worden. Das ist keine Statistik über die gesamte Sammlung. Es unterscheidet aber zwei Aufgaben: historische Bestände genauer zu erschließen und neue Bestände bewusst aufzubauen. Beides kann einander ergänzen; das eine ersetzt das andere nicht.
Eine Schenkung mit Vorgeschichte
Wie konkret Sammlungspolitik werden kann, zeigt Marie-Louise von Motesiczky. Ihre angekündigte Arbeit „Jagd“ von 1936, ausgeführt in Pastell und Kohle, führt das Museum als Schenkung des Marie-Louise von Motesiczky Charitable Trust. Dessen Bestandsübersicht nennt in der Albertina außerdem Gemälde, weitere Papierarbeiten und ein Skizzenbuch. Hier wurde nicht bloß ein einzelnes Blatt für einen aktuellen Anlass verfügbar.
Der Trust dokumentiert für das bis zum 5. April 2018 reichende Geschäftsjahr den Abschluss einer zuvor begonnenen Gemäldeschenkung an die Albertina. Zugleich berichtet er, dass das Museum 2018 geschenkte Werke ausgestellt habe. Dieser Rückblick widerspricht einer allzu einfachen Erzählung vom jetzigen erstmaligen Sichtbarwerden: Erwerbung beziehungsweise Übernahme und Präsentation hatten bereits eine Vorgeschichte.
Doch auch eine belegte Schenkung beantwortet nicht jede Frage. Sie sagt zunächst, auf welchem Weg Werke ins Haus kamen. Ob daraus regelmäßige Präsenz, neue Nachbarschaften mit anderen Positionen oder weitere gezielte Erwerbungen entstehen, ist eine zweite Entscheidung.
Was nach Februar zählt
Bei Zuschreibungen ist besondere Genauigkeit nötig: Wer ein Werk geschaffen hat, ist eine andere Frage als die, wer es sammelte oder verlegte. Die geprüften Ankündigungen liefern keinen konkreten Fall einer korrigierten Autorschaft. „HER STORY“ deshalb schon vorab als Schau spektakulärer Neuzuschreibungen zu feiern, wäre verfrüht.
Ebenso wenig benennen diese Ankündigungen einen verbindlichen Folgeplan für regelmäßige Sammlungspräsentationen. Das beweist nicht, dass intern keiner vorbereitet wird. Es begrenzt aber, was die Vorschau versprechen kann.
Der nachhaltige Ertrag wäre an überprüfbaren Schritten zu erkennen: dokumentierten Erwerbungsentscheidungen, nachvollziehbaren Zuschreibungen und wiederkehrender Sichtbarkeit jenseits der Sonderausstellung. „HER STORY“ bietet den Anlass, diese Maßstäbe anzulegen. Ob die Albertina damit auch ihre Sammlungspolitik verändert, bleibt vor der Eröffnung eine offene, entscheidende Frage.
Redaktionell geprüft · 29. Oktober 2026

